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Transformationen des städtischen Raums aus soziologischer Sicht

Vassili Dvoinev

Der Stadtraum ist alles in einem: öffentlicher und privater Raum, bebauter Ort und imaginäre Welt. Wir sind sicher: Es gibt die eine unverwechselbare Stadt, aber wenn wir uns ein Bild von ihr machen wollen, dann stellen wir fest, dass es so viele Bilder und so viele Perspektiven von ihr gibt wie Menschen, die darin leben.

Karl Schlögel

„Sankt-Petersburg. Schauplätze einer Stadtgeschichte“[1]

Einleitung

„Der Stadtplan ist der Grundriss der Gesellschaft“ – stellte der deutsche Journalist und bayerische Professor Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897) im 19. Jahrhundert fest. Im 20. Jahrhundert drückte eine ähnliche Meinung der Pionier der französischen Stadtsoziologie Paul-Henry Chombart de Lauwe (1913–1998) aus: „Das Bild der Gesellschaft ist auf dem Boden geschrieben“. Diese Aussagen begründen und erklären, warum die Stadt ein Objekt des kontinuierlichen Interesses der Soziologen beginnend von Klassikern wie Max Weber (1864–1920), Ferdinand Tönnies (1855–1936), Werner Sombart (1863–1941) und Georg Simmel (1858–1918), die die Stadt als Beispiel der Gesellschaft theoretisch betrachteten, über den britischen Surveyer Charles Booth (1840–1916), der Leben und Arbeit der Londoner Bevölkerung gründlich untersuchte und Kartierungen zu einer soziologischen Methode machte, und die amerikanischen Stadtforscher der Chicagoer Schule, die die Stadt als Laboratorium der Gesellschaft sahen und konkrete empirische Studien unternahmen, über die Sozialwissenschaftler der Nachkriegszeit wie René König (1906–1992), der die Gemeindesoziologie entwickelte, Norbert Elias (1897–1990), der über die Bedeutung der städtischen Gesellschaft für den Prozess der Zivilisation nachdachte, Manuel Castells (geb. 1942), der einen wesentlichen Beitrag zur Modernisierung der Stadtsoziologie leistete, indem er Anregungen zur Neuformulierung ihres Gegenstandes in 1970er Jahren schuf, und Hans Paul Bahrdt (1918–1994), der aus soziologischer Neugier „in Nachbars Garten wilderte“ und Stadtsoziologie als Versuch, die gesellschaftlichen Entwicklungen zu erklären, deutete, bis hin zu renommierten modernen Soziologen, die fordern, „konkrete Städte zu untersuchen und so die eigensinnige Wirklichkeit von Städten zum zentralen Thema zu machen“[2].

Der vorliegende Beitrag nimmt diese Forderung wahr und widmet sich der soziologischen Untersuchung einer konkreten Stadt. Die Notwendigkeit und Relevanz der Forschungen solcher Art wird dadurch begründet, dass jede einzelne Stadt sich in einer bestimmten und besonderen politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Situation befindet, die sie von den anderen Städten unterscheidet, und auch dadurch, dass alle Prozesse in einer Stadt ebenso anders als ganz spezifische und mannigfaltige Prozesse in der anderen sind und ganz eigene Forschungsansätze, -perspektiven und -methoden benötigen. Die Bestätigung dafür finden wir im oben als Epigraph angeführten Zitat vom Historiker Karl Schlögel. Außerdem können Aussagen über die Gesellschaft nach Ulfert Herlyn „durch lokalbezogene empirische Studien, die gewöhnlich eine ganz andere Tiefenscharfe aufweisen, nuanciert und damit entscheidend bereichert werden“[3]. Die Stadtsoziologie sieht den Raum einschließlich des städtischen Raums nicht nur als physischer Behälter, in dem alles soziale Geschehen stattfindet, sondern auch als sozial konstruiert an. Die Soziologen der Chicagoer Schule sahen darin die Wiederspiegelung des Sozialen und Hartmut Häußermann und Walter Siebel behaupten, „dass städtischer Raum immer sozial strukturierter Raum ist“, indem sie diese Aussage am Beispiel der Segregation illustrieren[4]. In dieser Sicht kann man den Raum soziologisch nach Dieter Läpple in vier Dimensionen beschreiben: „materiell physische Elemente, ein mit dem materiellen Substrat verbundenes Zeichen-, Symbolund Repräsentationssystem, gesellschaftliche Interaktionsund Handlungsstrukturen sowie institutionalisierte und normative

Regulationssysteme“[5].

Auch Martina Löw formuliert eine eigene Definition des städtischen Raums, an die sich auch hier zu orientieren ist: „relationale (An)-Ordnung sozialer Güter und Menschen“[6]. Nach Armin Nassehi erscheint der städtische Raum als ein synchroner Raum, der von unterschiedlichen sozialen Ereignissen, die gleichzeitig in den Städten „sichtbar“ werden, aufgespannt warden [7].

In diesem Beitrag wird der städtische Raum auch als Sozialraum verstanden. Als Ausgangspunkt dafür dient die Definition des entsprechenden Terminus von Karl-Heinz Hillmann:

„Als sozialwissenschaftlicher Begriff bezeichnet Sozialraum konkrete Orte beziehungsweise kleinere abgrenzbare Territorien, die mit dicht bevölkerten

Regionen, mit Städten, Stadtgebieten und Quartieren (Stadtviertel) identisch sind. Dabei werden diese Siedlungsphänomene nicht in erster Linie als administrative Einheiten betrachtet, sondern als Lebensräume von Bevölkerungen, die jeweils komplexe soziale Strukturen und funktionale Verflechtungen aufweisen“[8]

Zur Unterstützung des Verstehens des städtischen Raums als Sozialraum leistet auch die Theorie von Pierre Bourdieu (1930–2002) Beitrag. Martina Löw schreibt darüber: „Eine Pointe in der Bourdieuschen Theorie ist es, diese gesellschaftlichen Felder als soziale Räume zu denken, welche nicht nur metaphorisch gesellschaftliche Gefüge bezeichnen, sondern sich auch materiell als gebauter Raum niederschlagen“100. Die Erfassung des Wandels ist anknüpfend an diese Deutungen im Rahmen der Sozialraumanalyse durchaus gerechtfertigt.

Der Prozess des sozialen Wandels ist unter den Prozessen, die man im urbanen Leben beobachten kann, außerordentlich einflussreich und zwar in Bezug auf Städte und ihre Gemeinden. Außerdem sind Städte selbst Vorreiter, Verursacher und Orte des sozialen Wandels[9]. Meistens unternehmen Soziologen Untersuchungen konkreter Städte mit dem Zweck, die Folgen des („krassen“ [10] und

„entsetzlichen“[11]) sozialen Wandels für den sozialen Raum der Stadt und ihrer Einwohner aufzudecken und zu erklären. Der soziale Wandel, hervorgerufen durch Naturkatastrophen, Kriege, wirtschaftliche Krisen, Aufschwünge und Wunder, technische und soziale Revolutionen, Formationenwechsel, Übergang von Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, Komplexitätssteigerung der Gesellschaft, soziale Differenzierungen und Segregation, Reformen und Integrationsund Desintegrationsprozesse wie Werdegang der EU und Wiedervereinigung Deutschlands für den ersten Fall und Verfall der Sowjetunion für den zweiten, prägt und verändert nicht nur die Struktur der Stadtgemeinden, sowie Habitus und Gefüge des sozialen, kulturellen und ökonomischen Kapitals ihrer Mitglieder im Sinne von Pierre Bourdieu[12], sondern auch transformiert den Stadtraum, seine Infrastruktur, Architektur und selbst das Image einer Stadt.

Dieser Beitrag befasst sich auch mit dem Thema, das direkt mit dem sozialen Wandel nach dem Umbruch verbunden ist, mit dem der Transformationen des städtischen Raums der russischen Stadt Smolensk. Die Analyse der Wandlungen des städtischen Raums im Geiste der oben angeführten Konzepte von Martina Löw, Pierre Bourdieu und Karl-Heinz Hillman wird hier um das Stadtzentrum von Smolensk fokussiert.

Als Begründung für diese Eingrenzung kann der Gedanke dienen, dass die räumlich-physische Struktur des Zentrums die Gesellschaft abbildet und damit wesentlich die Gestalt der Stadt prägt. Lothar Bertels, Alexander Jegorov und Elena Suchova schreiben in diesem Zusammenhang:

„Die Baustruktur des Zentrums hat immer auch Orientierungsund Identifikationsfunktion für die Menschen. Hier befinden sich in der Regel der Markt und eine Konzentration von Gelegenheiten wie Kultureinrichtungen, Rathaus, Behörden. Es zeichnet sich durch hohe Erreichbarkeit aus. Gesellschaftliche Wandlungsprozesse werden im Stadtzentrum evident. Neben Physiognomie und Sozialstruktur hat die funktionale Struktur der City eine wesentliche Bedeutung für Entwicklungsprozesse des sozialen Wandels“[13].

Zur Begründung der soziologischen Relevanz der Untersuchung vom Wandel des städtischen Raums am Beispiel des Stadtzentrums kann auch die Tatsache herangezogen werden, dass sich die Bedeutung des Stadtzentrums im Rahmen der sozialen Wandlungsprozesse auch verändert. In der mittelalterlichen und kapitalistischen Stadt war das Zentrum immer ein Marktort. Während des Sozialismus sollte es aber den „bestimmenden Kern der Stadt“ bilden, in dem „die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten“ liegen[14]. Dies gilt sowohl für ostdeutsche, als auch für sowjetische Städte. Nach dem Umbruch verliert die Stadtmitte ihre rein „politisch-administrative Akzentuierung“ [15]und beginnt wiederum ihre wirtschaftliche Funktion zu erfüllen, was auch viele aktuelle und für die Stadtsoziologie interessante Probleme mit sich bringt.

Ausgehend von diesen Überlegungen lässt sich die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit wie folgt formulieren: Wie verändert sich aus soziologischer Sicht der städtische Raum von Smolensk am Beispiel seines Zentrums im Zuge des sozialen Wandels?

Der erste Abschnitt dieses Beitrags ist dem Thema des innerstädtischen Nutzungswandels in Smolensk seit dem Umbruch bis heute gewidmet. Der zweite Abschnitt setzt sich mit dem öffentlichen Raum von Smolensk auseinander. Die Analyse fokussiert sich auf dem Phänomen der Privatisierung des öffentlichen Raums. In der Zusammenfassung werden Schlussbemerkungen formuliert und Aussichten der Stadtentwicklung nach dem Feiern des Stadtjubiläums im Jahre 2013 (1150 Jahre seit der ersten Erwähnung in den altrussischen Annalen) sowie Perspektiven der zukünftigen soziologischen Erforschung der Transformationen des städtischen Raums von Smolensk erörtert.

  • [1] Schlögel K., Schenk F. B., Ackeret M. (Hrsg.), 2007: Sankt-Petersburg. Schauplätze einer Stadtgeschichte, Frankfurt a. M/New York. S. 23
  • [2] Ulfert Herlyn, zitiert nach: Stadtgespräch mit Ulfert Herlin, in: Bertels L (Hrsg), 2008: Stadtgespräche, Wiesbaden. S. 56
  • [3] Ebenda. S. 54
  • [4] Häußermann H., Siebel W., 2002: Die Mühen der Differenzierung, S. 31
  • [5] Wehrheim J., 2011: Raum [2], in: Fuchs-Heinritz W. (Hrsg.), 2011: Lexikon zur Soziologie, S. 553
  • [6] Löw M., 2001: Raumsoziologie, S. 257
  • [7] Nassehi A., 2002: Dichte Räume. Städte als Synchronisationsund Inklusionsmaschinen, S. 218
  • [8] Hillmann, K.-H., 2002: Sozialraum, in: Hillmann, K.-H., 2002: Wörterbuch der Soziologie. S. 828. 100 Löw M., 2002: Die Stadt: Eine Verdichtung funktionaler Differenzierung, eine räumlich differenzierte Einheit oder ein geschlechtlich differenzierter Raum? S. 16
  • [9] Hannemann C., 2002: Die Herausbildung räumlicher Differenzierungen – Kleinstädte in der Stadtforschung, S. 265 u. 271
  • [10] Clausen L., 1994: Krasser sozialer Wandel, Opladen
  • [11] Clausen L. et al., 2003: Entsetzlicher sozialer Wandel, Münster
  • [12] Bourdieu P., 1983: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital
  • [13] 105 Bertels L. u. a., 2005: Innerstädtischer Nutzungswandel, S. 120
  • [14] „Sechzehn Grundsätze des Städtebaus“ der Regierung der DDR aus den 1950er Jahren; zitiert nach: Herlyn U., 2002: Stadtentwicklung in Ostdeutschland seit der Wende aus soziologischer Sicht, S. 21
  • [15] Herlyn U., 2002: Stadtentwicklung in Ostdeutschland seit der Wende aus soziologischer Sicht, S. 21
 
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