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Zur Bedeutung von Museen und anderen Kultureinrichtungen für eine zukunftsweisende Stadtentwicklung unter besonderer Berücksichtigung der Einbeziehung der lokalen Bevölkerung

Renate Goebl

„Kultur für alle“ und die Folgen

Richtungsweisend jedoch für viele Akteure der Hochkultur auch schwierig waren die Folgen der 1968er Bewegung mit der Proklamation einer „Kultur für alle“[1], der nichts mehr Elitäres anhaften sollte.

Dieser Neuausrichtung entsprach die Definition einer 'Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik' und die Forderung nach einem „Bürgerrecht Kultur“.[2] Demokratisierung, Teilhabe durch Öffnung der Institutionen und die konsequente Erweiterung des Kulturbegriffs sowie breitenwirksame Bildungskonzepte standen am Beginn eines Prozesses, in dessen Verlauf Kultur immer neue Allianzen eingeht.

Das 1977 in Paris eröffnete „Centre national d'art et de culture Georges Pompidou“ steht für diese neue Grundhaltung: Ein offenes interdisziplinäres Zentrum moderner und zeitgenössischer Kultur mit Museum Moderner Kunst, Bibliothek, Musikforschungszentrum, Kinderwerkstatt, Kino-, Theaterund Vortragssälen, eine Buchhandlung sowie einem Restaurant und Café. Das nach außen durchlässige Gebäude der damals noch unbekannten Wettbewerbssieger Renzo Piano und Richard Rogers, das seine „Eingeweide“ nicht kaschiert, war den Besuchern auf allen Ebenen zugänglich, bot auch nächtliche Öffnungszeiten und erhielt mit der vorgelagerten Piazza einen bedeutenden öffentlichen Aktionsraum. Das Projekt entstand mitten im 4. Arrondissement auf dem Areal des nicht mehr benötigten Parkplatzes des bereits längst abgesiedelten Großmarkts und hat massive Protestaktionen und selbst Gerichtsverfahren zur Verhinderung des Vorhabens provoziert. Dass das offene Kulturzentrum ein großer Publikumserfolg wurde, läßt sich an den unerwartet hohen Besuchszahlen ablesen[3], was bereits 1997 eine umfassende Renovierung des Baus notwendig machte, in deren Verlauf er seine Offenheit zum Teil wieder eingebüßt hat und leider auch das Ausmaß des freien Zugangs.

Seit den 1980er Jahren boomt die Hochkultur aber auch neue Initiativen, die dem erweiterten Kulturbegriff und dem Demokratisierungsprozess entsprachen, erzeugen vielerorts eine neue kulturelle Vielfalt. In ganz Europa entstehen zumeist spektakuläre Neubauten für Museen, Opern-, Theater und Konzerthäuser sowie Bibliotheken der internationalen Architektenelite.[4]Die öffentliche Wahrnehmung der Kulturbauten und die Besuchszahlen wachsen, und Zeiten neuer Allianzen mit Tourismus und Wirtschaft heben an. Das bringt Chancen, birgt aber auch Konfliktpotenziale: Kulturpolitik gerät unter den Druck ökonomischer Argumente, und Kultur wird zum Wirtschaftsfaktor. Dazu schreibt Hilmar Hoffmann 1990 im Rückblick auf seine Kulturdezernentenzeit in Frankfurt:

„Auch wenn Kulturverantwortliche nicht besonders begeistert von meiner Behauptung sein werden, bleibt festzuhalten: Wesentliche Triebkräfte für die Kulturentwicklung in unseren Kommunen (und darüber hinaus) stammen aus anderen, kulturfremden Bereichen. Haushaltskonjunkturen, Standortkonkurrenz, wirtschaftliche Hauptund Nebeninteressen in der Kulturindustrie spielen eine Rolle, ebenso Faktoren der Umwegrentabilität sowie direkte und indirekte Marketinginteressen. Die meisten Veränderungsimpulse kamen weniger von der Politik selbst als vielmehr von der gesellschaftlichen Entwicklung im weitesten Sinne.“[5]

Auch die Expansion einer zumeist erlebnisorientierten Freizeitund Eventindustrie wird zur Herausforderung für die klassischen Kulturbetriebe insbesondere (Kunst)museen, die mit Blockbuster–Ausstellungen ihre Besuchszahlen zu halten trachten. Zudem sollen sie ja nicht nur Besucher zu Mehrfachbesuchern machen, für Nichtbesucher attraktiv werden sondern immer mehr Einnahmen und höhere Eigendeckungsanteile erwirtschaften. Bildung für alle genügt nicht mehr, es gilt andere Erwartungen zu befriedigen. Das bringt neue Aufgaben, die von den Institutionen zusätzlich erfüllt werden müssen, was auch mit einer Revision des Selbstverständnisses der klassischen Kultureinrichtungen einhergeht, die nach wie vor dem Erhalt des Kulturerbes und der Vermittlung auch der aktuellen Kunstund Kulturproduktion verpflichtet sind. Die Transformation zu gesellschaftsrelevanten Orten der Begegnung fordert, Partizipation nicht nur zu deklarieren sondern auch zu leben, wozu es einer grundlegenden Haltungsänderung und der Bereitschaft einer Erneuerung von innen heraus bedarf.[6]

Im 21. Jahrhundert wird der Begriff „Kultur für alle“ neu aufgeladen was das folgende Zitat aus dem neuen Kulturentwicklungsplan der Stadt Linz belegen soll:

„‚Kultur für alle' heißt heute, die unterschiedlichen Kunstund Kulturformen als gleichwertig zu betrachten, die eigene Gestaltungsfähigkeit und Selbstermächtigung von Individuen zu fördern, die Bevölkerung in Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen und hochkulturelle Angebote immer wieder auf ihre gesellschaftliche Relevanz zu überprüfen.“ [7]

  • [1] Siehe dazu: Hilmar Hofmann: “Kunst für alle“, 1979
  • [2] Leitsatz der Kulturpolitischen Gesellschaft, der seit deren erstem Grundsatzpapier aus dem Jahr 1976 seine Gültigkeit bewahrt hat. Siehe dazu: Oliver Scheytt: “Blick zurück nach vorn – Von der neuen zur aktivierenden Kulturpolitik. 30 Jahre Kulturpolitische Gesellschaft“, in: Kulturpolitische Mitteilungen Nr. 113, II/2006, Seite 2ff
  • [3] Konzipiert für maximal 5.000 Besucher täglich waren es jedoch jährlich 7 Millionen. Quelle: goruma.de/Wissen/Kunstund Kultur/Architekturdes20und21Jahrhunderts/
  • [4] 2000 bis 2003 tourte die vom Art Centre Basel produzierte Ausstellung “Museen für ein neues Jahrtausend. Ideen, Projekte, Bauten“ mit Start in Hamburg durch die Welt. Das gleichnamige Katalogbuch erschien 1999 im Prestel Verlag
  • [5] Hilmar Hoffmann, “Kultur als Lebensform“,1990, Seite 7
  • [6] In Hinblick auf “Bürgerbeteiligung“ als ein zentrales Thema diese Beitrags sei hier nur auf zwei rezentere Publikationen verwiesen: Nina Simon: “The Participatory Museum“, Santa Cruz 2010, online verfügbar unter: participatorymuseum.org/read und Susanne Gesser, Martin Handschin, Angela Janelli, Sibylle Lichtensteiger (HG.): “Das partizipative Museum. Zwischen Teilhabe und User Generated Content. Neue Anforderungen an kulturhistorische Ausstellungen“, Bielefeld 2012 mit einer gekürzten Fassung der ersten beiden Kapitel von Nina Simons “The Participatory Museum“ auf Seite 95ff
  • [7] ”Kulturentwicklungsplan neu der Stadt Linz”, beschlossen im Jänner 2013, Seite 15, kep.public1.linz.at/wp-content/uploads/2011/08/KEPneu.pdf
 
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