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6.1.1.4 Sprache als Weg in die Selbstständigkeit

Ein zentraler, immer wieder auftauchender Aspekt in Razas Erzählung sind seine deutschen Sprachkenntnisse. So führt er als eine mögliche Begründung für die anfängliche schwierige Zeit die fehlenden Sprachkenntnisse auf (vgl. Z. 10f., Z.404f.) und erwähnt öfters, dass er versuchte, die Sprache zu lernen. Der Befragte skizziert im Verlauf des Interviews die Entwicklung seiner Sprachkenntnisse bzw. betont den Unterschied des Lebens ohne Sprachkenntnisse und mit Sprachkenntnissen. Er erzählt, dass er „gemerkt“ (Z. 409) hat, dass er „ohne Sprache (…) gar nix [kann]“ (Z. 410). Er beschreibt die Auswirkungen, welche die fehlenden Sprachkenntnisse mit sich brachten: er musste „jedes Mal jemand[en] mitnehmen“ (Z. 410f.). Als konkrete Beispiele, wo er auf die sprachliche Unterstützung anderer angewiesen war, nennt er die Eröffnung eines Kontos und den Gang zum Arzt oder Anwalt (vgl. Z. 415f.), welches wesentliche Bereiche zur Bewältigung seines Alltages darstellen. Die Tatsache, dass er in diesen wichtigen Dingen nicht selbstständig handeln kann, löst in Raza den Wunsch nach dem Erlernen der Sprache aus (vgl. Z. 416). Er will nicht weiterhin anderen Leuten, die seiner Aussage zufolge auch nicht immer Zeit haben (vgl. 414), zur Last fallen und auf diese angewiesen sein. „Deswegen“ (Z. 416) kümmert (vgl. Z. 416) er sich aktiv um die Verbesserung seiner Sprachkenntnisse. Der Befragte ist unzufrieden mit der offensichtlichen Abhängigkeit und klingt genervt (vgl. Z. 410: „ich kann nicht jedes Mal jemand mitnehmen (..)“; Z. 415: „die können nicht immer mit dir irgendwo hingehen“). Ihm ist bewusst, dass er derjenige ist, der etwas an dieser Situation ändern kann, indem er sich dem Spracherwerb widmet. Sein Plan funktioniert, was durch die Schilderung seiner gegenwärtigen Sprachfähigkeiten ersichtlich wird. Er beherrscht die Sprache zwar nicht „perfekt“ (Z. 418), jedoch „versteht und spricht“ (Z. 418) er sie. Dies „reicht“ (Z. 418) seiner Aussage zufolge. Die Wahl des Verbes „reichen“ verstärkt die vorherige Ausführung der Sprache als Mittel zur Verbesserung der aktuellen Situation. Es impliziert eindeutig den Zweck, den der Befragte der Sprache bzw. dem Beherrschen der Sprache zuschreibt: man muss sie verstehen können und sich verständigen können, um im Alltag zurechtzukommen. Der Unterschied zwischen Abhängigkeit und Unabhängigkeit manifestiert sich in Razas Erzählung und der Wortwahl deutlich: Er betont, dass er nicht „immer jemand mitnehmen und fragen und bitten“ (Z. 423f.) kann, was eine Abhängigkeit indiziert. Davon unterscheiden sich die Behauptungen, dass er das jetzt aufgrund seiner Sprachkenntnisse nicht mehr braucht (vgl. Z. 424: „Jetzt brauch ich nicht“) und er „selber“ (Z. 426) „überall [hin]gehen“ (z. 428) „kann.“ Er relativiert dies nochmal kurz, indem er einwirft, dass er nicht alles ganz versteht (Z. 428) aber „das [schafft]“ (Z. 428). Der Befragte resümiert die Ausführungen über seine Sprachkenntnisse mit der Feststellung, dass die Beherrschung der deutschen Sprache eine „Schwierigkeit“ (Z. 423) ist, die er „geschafft“ (Z. 423) hat, womit er nochmals die oben genannten Darstellungen von einem schwierigen Leben ohne Sprachkenntnisse und einer eigenbestimmten Verbesserung dessen unterstreicht.

 
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