Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Handlungsfähigkeit von geduldeten Flüchtlingen

< Zurück   INHALT   Weiter >

6.1.1.2 Soziale Kontakte als vielfältige Ressource

Nach der Zeit in der Erstaufnahmeeinrichtung, bezieht der Befragte eine Gemeinschaftsunterkunft in Stadt A. Der Befragte leitet seine Erzählung des Beginns der Zeit in der Gemeinschaftsunterkunft mit dem Kennenlernen von „unseren Leute[n]“ (Z. 23) ein. Im Gegensatz zu der Zeit direkt nach der Ankunft, in der er „keine (…) Leute (…) und keine Mensch“ (Z. 12f.) kennt, hat er nun mehrere Personen kennengelernt. Hierbei handelt es sich um in der Stadt A bzw. der Gemeinschaftsunterkunft lebende Pakistani, welche für den Erzählenden in dieser Situation eine wichtige Ressource im Sinne einer Bezugsgruppe darstellen, welche ihm in dieser anfänglichen Zeit der Unsicherheit zur Seite stehen. Raza fühlt sich, und dies vielleicht in einem ihm zu diesem Zeitpunkt unbekannten Land, verstärkt, seinem Herkunftsland und seinen „Landsleuten“ sehr verbunden und versteht sich als Teil davon. Neben dem Sozialsystem haben auch diese Personen ihm „viel geholfen“ (Z. 23f.). Diese scheinen schon länger in Deutschland zu sein und ähnliche Erfahrungen der Überforderung und Fremdheit wie der Erzählende gemacht zu haben. Daraufhin geben sie diesem den Ratschlag, dass er Zeit braucht um „das alles zum Lernen“ (Z. 24). Sie versichern ihm, dass es im Laufe der Zeit „gut“ (Z. 25) oder zumindest „besser“ (Z. 25) wird. Dies kann der Erzählende rückblickend bestätigen, indem er von seiner Erfahrung erzählt, dass „die Zeit (…) immer gelaufen“ (Z. 25) ist und er „gemerkt“ (Z. 26) hat, dass „das (…) immer besser geworden“ (Z. 26) ist.

Fasst Raza im Zusammenhang mit den ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen sein erstes Jahr als „schon bisschen (…) schwer für [ihn]“ (Z. 35f.) zusammen, bilanziert er dahingegen in Bezug auf seinen damaligen Mitbewohner sein erstes Jahr als „sehr gut“ (Z. 199). Die beiden verstehen sich gut und unternehmen viel gemeinsam. So besuchen sie gemeinsam den Sprachkurs, kochen und essen zusammen, gehen gemeinsam spazieren und betreiben zusammen Sport (vgl. Z. 203). Raza schätzt die Freundschaft mit seinem pakistanischen Mitbewohner sehr. Die Möglichkeit für gemeinsame Unternehmungen bzw. das Teilen alltäglicher Dinge, erscheint als Halt für den Erzählenden, der sich ansonsten der Tatsache konfrontiert sieht, dass er alleine aus Pakistan nach Deutschland gekommen ist und weder (enge) Familienangehörige noch vertraute Freunde vor Ort hat.

Umso mehr trifft ihn der Fortgang des Mitbewohners, der in Stadt S, welche sich circa 30 Kilometer von Stadt A befindet, eine Arbeit findet. Er ist zwar noch in der Gemeinschaftsunterkunft in Stadt A gemeldet, wohnt aber faktisch bei einem Freund in Stadt S. Die Bedeutung des Verlustes des Mitbewohners wird deutlich, als Raza von seinem Alltag ohne den Mitbewohner erzählt. Im Gegensatz zur vorigen Erzählung scheint sein Tag nur aus Arbeiten und „Zuhausesein“ zu bestehen. (vgl. Z. 218) Er bezeichnet dies selbst als „sehr langweilig“ (Z. 218). Dominierend ist das Gefühl, allein zu sein, im Gegensatz der vorherigen Beschreibung einer Art Gemeinschaft mit seinem Mitbewohner. Die subjektive Wahrnehmung von Alleinsein oder Einsamkeit während des Lebens in einer Gemeinschaftsunterkunft, in der man objektiv nie alleine ist, wird im weiteren Verlauf der Erzählung konkretisiert. Das Gefühl der Einsamkeit lässt sich vor allem auf den Umstand, dass der Erzählende keine Personen aus Pakistan kennt, zurückführen. Nach dem Umzug seines Mitbewohners, lebten zu diesem Zeitpunkt keine anderen Pakistani oder InderInnen in der Gemeinschaftsunterkunft (vgl. Z. 435). Raza kennt auch keine weiteren pakistanischen AsylbewerberInnen oder Pakistani, da seiner Meinung nach Stadt A „so klein(…)“ (Z. 225) ist. Mit den anderen Personen in der Gemeinschaftsunterkunft, die teilweise Englisch sprechen, kann er nicht kommunizieren, da er kein Englisch kann (vgl. Z. 437f.) Die Erfahrung, von Leuten umgeben zu sein, mit denen er nicht kommunizieren kann, scheint eine schmerzhafte für ihn zu sein, was an seinem, sehr leise gesprochenen Einwand „aber ich konnte das nicht“ (Z. 438) zu erkennen ist. Durch seine Erzählung wird deutlich, wie groß die Verbundenheit mit Pakistanis oder zumindest Personen, die aus der gleichen Region, wie etwa InderInnen, kommen, ist. Ein wichtiger Grund hierfür ist die gemeinsame Sprache und damit ein Mittel, um mit den Leuten in Kontakt zu treten und eine (freundschaftliche) Beziehung aufzubauen. Gleichzeitig lässt sich erkennen, dass der Befragte auch Kontakt zu Deutschen sucht. Er scheint es trotz allem bedauerlich zu finden, dass auf seiner Arbeit nur InderInnen arbeiten, mit denen er sich zwar in seiner „Heimatsprache“ (Z. 219) unterhalten kann, [1] es sich dort aber keine Gelegenheit bietet, deutsche Freunde kennenzulernen (vgl. Z. 222). Von der Gruppe der Studierenden, die sich ungefähr im gleichen Alter wie der Befragte befinden, trennt ihn ein unterschiedlicher Rhythmus: so haben Studierende seiner Aussage zufolge am Wochenende Zeit; dort muss er hingegen arbeiten (vgl. Z. 225). Raza scheint in dieser Zeit keinen wirklichen Anschluss an eine bestimmte Gruppe zu haben und mit dem Wegzug seines Mitbewohners auch keinen wirklichen Freund mehr. Die geringe Erzähldichte in dieser Interviewpassage steht sinnbildlich für die Zeit: der Erzählende ist alleine und hat keine wirklichen Freunde, mit den Menschen um ihn herum kann er aufgrund von Sprachbarrieren nicht sprechen und sein Alltag besteht aus arbeiten und zuhause sein. Die Erzählung vermittelt einen Eindruck von einer gewissen Isolation: nicht nur von der deutschen Gesellschaft, der er weder bei der Arbeit noch in seiner Freizeit begegnet, sondern auch von seinem direkten Umfeld.

Im Gegensatz dazu schließt eine lebhafte Erzählung der folgenden Zeit an. Denn nach der Zeit, die vor allem durch das Dasein seines Mitbewohners geprägt ist und der darauffolgenden, die sich durch dessen Wegzug und der Einsamkeit des Befragten kennzeichnen lässt, kommen nach „ein zwei Jahren (…) auf einmal zehn bis fünfzehn Pakistanileute“(Z. 228f.). Dies markiert für den Befragten einen neuen Zeitabschnitt. Die Pakistani wurden wie er nach Stadt A „geschickt“ (Z. 231). Ohne aktives Zutun des Befragten ändert sich die bis dahin eher frustrierende und „langweilige“ (Z. 218) Zeit. „Auf einmal“ (Z. 228) ist eine Gruppe von Pakistani da und abgesehen von der problemlosen Kommunikation kann er mit diesen „Cricket spielen gehen Badminton spielen gehen reden Spaß [haben]“ (Z. 235) sowie weggehen und feiern (Z. 440). Der Befragte kann sein Glück kaum fassen (vgl. Z. 234: „dass so viele Pakistani auf einmal da kann ich ja…“). Er beschreibt die Zeit, wie auch die Anfangszeit mit seinem Mitbewohner, als „auch gut“ (Z. 439). An dieser Stelle wird der Zusammenhalt der aus Pakistan nach Deutschland geflüchteten Personen und dessen Bedeutung erneut deutlich. Razas Erzählung klingt, als stände es außer Frage, dass die in den Gemeinschaftsunterkünften bzw. in einer Stadt lebenden Pakistanis sich zusammentun und sich für gemeinsamen Unternehmungen treffen.

Neben der Tatsache, dass er nun wieder Personen hat, mit denen er gemeinsame Aktivitäten unternehmen kann und somit nicht mehr alleine ist bzw. sich alleine fühlt, ist auch ein zweiter wichtiger Aspekt mit der Ankunft der Pakistanis verbunden. Der Befragte erzählt, wie er diesen hilft, indem er für sie auf dem Landratsund Ausländeramt übersetzt (Z. 443, Z. 445) und „alles (…) zeigt“ (Z.445) wie es „[hier] läuft“ (Z. 445). Er begründet dies dadurch, dass er der „längste dort“ (Z. 449) war. Es lässt sich hier eine gewisse Parallelität zu seiner eigenen Anfangszeit erkennen: auch er kam ohne Deutschkenntnisse an und war in diesem Bereich auf Hilfe angewiesen. Er hilft seinen Aussagen zufolge „gerne“ (Z. 442) den Anderen, da ihm dies „auch Spaß“ (Z. 448) macht. Vor allem aber gewinnt er dadurch (wieder) an Selbstvertrauen, was zu diesem Zeitpunkt bzw. bis dahin nicht sehr groß gewesen zu sein scheint (vgl. Z. 449: „bisschen mehr Vertrauen auf mich“). Indem er anderen hilft wird ihm bewusst, an welchem Punkt er gerade steht und wieviel er seit seiner Ankunft in Deutschland bereits geschafft und geleistet hat, was ihm wiederum Mut und Optimismus gibt (vgl. Z. 452).

Der Erzählende relativiert die anfängliche Begeisterung über die vielen neuen Pakistanis im Wohnheim jedoch kurz darauf. Ihm wird bewusst, dass „die anderen Leute (…) nicht [denken] was (…) du denkst“ (Z. 235ff.). Raza erlebt in dieser Situation eine Enttäuschung. Nach der vorherigen als einsam beschriebener Phase ist er über die Ankunft der neuen Pakistanis sehr glücklich. Es kann vermutet werden, dass er davon ausgeht, dass ihm diese Personen durch Gemeinsamkeiten wie derselben Herkunft sowie einer ebenfalls erlebten Flucht(-geschichte) nahestehen bzw. dies eine gemeinsame Verständigungsgrundlage darstellt. Er konkretisiert die von ihm erlebte Enttäuschung indem er zwei, anscheinend für ihn bedeutende Dinge, aufzählt, welche die anderen Personen nicht zu mögen scheinen: Sport und Spaß (vgl. Z. 237).

Betrachtet man die sozialen Kontakte des Befragten als Ressource, Handlungsfähigkeit herzustellen, lassen sich hierbei drei unterschiedliche Prozesse in unterschiedlichen Kontexten ausmachen. Anfangs unterstützen ihn die sozialen Kontakte und helfen ihm, sich in einem ihm fremden Deutschland und dessen impliziten Regeln und Gegebenheiten zurechtzufinden. Dank seines Mitbewohners, der ihm zugleich ein Freund zu sein scheint, kann er alltägliche Unternehmungen teilen und gemeinsam erleben, was zu einer positiven Grundstimmung beiträgt. Die neu ankommenden Pakistanis in der Gemeinschaftsunterkunft erfüllen als Ressource hinsichtlich von Handlungsfähigkeit zwei „Funktionen“: einerseits verhelfen sie Raza aus seiner damaligen Einsamkeit und Isolation, indem sie durch gemeinsame Aktivitäten der Eintönigkeit des Alltags entgegen wirken, wobei der Befragte augenscheinlich aktiver und glücklicher als vorher zu sein scheint. Gleichzeitig erlangt Raza, wie bereits erwähnt, durch die Hilfe, die er den Pakistanis bietet, (neues) Selbstvertrauen und wird sich dadurch seinen bisherigen Leistungen und bezwungenen Herausforderungen bewusst.

  • [1] Das in Nordindien verbreitete Hindi ist dem in Pakistan gesprochene Urdu sehr ähnlich. Das indoarische Urdu, das in Pakistan als Nationalsprache festgesetzt ist, besitzt nur mehr Wörter arabischen und persischen Ursprungs (vgl. Encyclopedia Britannica 2014).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics