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3.2.1 Theoriengeschichtliche Entwicklung

Emirbayer und Misches (1998) Konzept von Agency lässt sich auf Ansätze in den Arbeiten von Jeffrey Alexander, dem Pragmatismus von John Dewey und vor allem Georg Herbert Mead sowie der Phänomenologie von Alfred Schütz, zurückführen (vgl. ebd.: 967). [1] Jeffrey Alexander als Vertreter des Neofunktionalismus wird von Emirbayer und Mische (1998) als einer der Ersten bezeichnet, der in einer gewinnbringenden Weise versucht, das Konzept Agency als eine eigenständige analytische Kategorie in seiner inneren Struktur und in einer Wechselwirkung mit kontextuellen Strukturen, zu beschreiben (vgl. ebd.: 967). Dabei unterscheidet er zwei Dimensionen menschlicher Handlung: die Dimension der „interpretation“ (ebd.: 967) und „strategization“ (ebd.) und gibt damit Einblick in die „black box“ menschlicher Handlung bzw. die interpretativen Prozesse menschlicher Handlungsentscheidungen (vgl. ebd.: 967). Emirbayer und Mische (1998) honorieren diese Kategorisierung als Ansatzpunkt für eine weitere analytische Betrachtung von Agency, welche über gewohnheitsbasierte Handlungen hinausgeht. Alexander nimmt innerhalb seiner Konzeption den Menschen als Bezugspunkt, um empirische Realität und dort getroffene Handlungen zu analysieren und verortet diesen gleichzeitig in einem strukturellen Kontext. Der Autor bewegt sich jedoch noch immer innerhalb einer von Kant inspirierten Dichotomie von einerseits an Zweck und Ziel und andererseits an Normen ausgerichteten Handlungen, welche einer angemessenen Bestimmung von Agency nicht gerecht wird. [2] Emirbayer und Mische (1998) kritisieren zudem an Alexanders Konzeption die starke Betonung auf den normativen Charakter menschlicher Handlungsentscheidungen sowie eine Vernachlässigung der zeitlichen Dimension des strukturellen Kontextes (vgl. Raitelhuber 2010: 20).

Die Überwindung dieses Dualismus findet sich im Pragmatismus, vor allem bei den bereits oben erwähnten Vertretern John Dewey und George Herbert Mead sowie bei Alfred Schütz. Diese gehen davon aus, dass Ziel und Zweck einer Handlung nicht unabhängig von konkreten Situationen betrachtet werden dürfen, sondern sich diese zeitgleich in Kontexten herausbilden. Kontexte selbst verändern sich stetig, was eine dauernde Reflexion von den sich dort befindenden Akteuren verlangt (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 967). Indem sie jegliche menschliche Ziele und Zwecke als zwangsläufig aus gesellschaftlich verankerten Werten und Vorstellungen heraus konstruiert betrachten, lösen sie die kantianische Unterscheidung zwischen zweckund zielgerichteter Interessensverfolgung und normbasierten Entscheidungen auf (vgl. ebd.: 968). In Hinblick auf die zeitliche Konzeption von Agency wirkt vor allem Meads Werk „The Philosophy of the Present“ von 1932 beeinflussend. Dieser definiert Zeit als „multilevel flow of nested events, radically grounded in (but not bounded by) present experiences“ (zitiert nach Emirbayer/Mische 1998: 968). Der Mensch befindet sich demnach fortlaufend in zeitlichen Übergängen zwischen Altem und Neuem. Diese gleichzeitige Situierung des Menschen innerhalb der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft verdeutlicht Mead, indem er auf Reaktionen von Akteuren auf eine sich ändernde Umwelt eingeht: Um die Bedingungen und Umstände, welche die aktuelle Situation hervorbringt, in ihrer Kausalität zu verstehen, muss der Akteur kontinuierlich seine Sicht auf die Vergangenheit reflektieren und rekonstruieren. Dieses kausale Verständnis nutzt der Akteur dann, um zukünftige Handlungen zu entwerfen (vgl. ebd.: 969). Dieser beschriebene Prozess bildet den Kern der von Mead entworfenen „deliberative attitude“ (zitiert nach Emirbayer/Mische 1998: 969), welche die Fähigkeit beschreibt, zukünftig zu erwartende Bedingungen und Umstände zu erfassen und antizipieren, da diese in vergangenen Handlungen begründet sind. Damit rekonstruiert der Akteur stetig seine Vergangenheit in Erwartung der Zukunft (vgl. ebd.).

Ein zweiter wichtiger Beitrag Meads für die Entwicklung des Agency-Konzeptes von Emirbayer und Mische (1998) sind seine Überlegungen zum menschlichen Bewusstsein. Die Fähigkeit des Menschen, sich gleichzeitig in unterschiedlichen temporal-relationalen Kontexten zu bewegen, wird von Mead als „sociality“ (zitiert nach Emirbayer/Mische 1998: 968) bezeichnet. Mead unterscheidet zwischen drei Ebenen des menschlichen Bewusstseins, welche sich durch die unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeit des Menschen, seine Umwelt aktiv zu beeinflussen, voneinander abgrenzen lassen (ebd.: 969). Die erste Ebene, „the level of 'contact experience'“ (ebd.), zeichnet sich durch eine sofortige Reaktion des Akteurs auf Empfindungen und Gefühle aus. Die zweite Ebene, „level of 'distance experience'“ (ebd.), lässt sich durch die Fähigkeit, sich von reflexund routinenartigen Handlungen zu distanzieren und anstatt dessen einen Bezug zu vergangenen sowie antizipierten zukünftigen Erfahrungen herzustellen, bestimmen. Die dritte Ebene zeichnet sich durch den höchsten Grad an Reflexivität in Form von kommunikativer Interaktion aus. Auf dieser Ebene entwickeln sich Werte und soziale Bedeutungen durch emphatische Prozesse der Perspektivenübernahme. [3] Der Mensch wechselt die Ebenen, wenn er Reaktionen auf Probleme als unzureichend wahrnimmt. Dabei erweitert er die Perspektive auf seine Handlungsentscheidung, indem er zeitliche Bezüge mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft herstellt (vgl. ebd.). Mead sieht den Menschen dabei immer eingebettet in sich überlappende Systeme, weshalb er eine Rekonstruktion der zeitlichen Perspektive auch als intersubjektiven Prozess beschreibt, da der Mensch gleichzeitig aus seinem Standpunkt und aus dem Standpunkt anderer heraus entscheidet und handelt.

In Emirbayer und Misches (1998) Konzeption von Agency finden sich in mehreren Aspekten, wie im folgenden Abschnitt deutlich wird, klare Bezüge zu Meads Verständnis vom menschlichen Bewusstsein. Die AutorInnen betonen den Mehrwert, den Meads Ansatz im Zusammenhang mit der Beschreibung der inneren Struktur von Handlungsfähigkeit besitzt. Sie heben den Beitrag des Pragmatismus zu einem kreativeren Verständnis von Handlungsfähigkeit hervor, welches sich von teleologischen Ziel-und Zweckvorstellungen, die sich unter anderem in Rational Choice Ansätzen wiederfinden, abgrenzt, indem es Handlungen in einen relationalen und zeitlichen Kontext verortet (vgl. Emirbayer/Mische 1998: 969f.).

  • [1] In dieser Arbeit wird hauptsächlich Bezug auf die Publikation „What is Agency?“ von Emirbayer und Mische aus dem Jahr 1998 genommen. Emirbayer beschäftigte sich bereits in früheren Arbeiten mit der Konzeption von Agency. Zu nennen ist hier vor allem seine mit Jeff Goodwin 1994 erschienene Publikation „Network Analysis, Culture and the Problem of Agency“, in welcher Agency in der Auseinandersetzung mit der Netzwerkforschung betrachtet wird.
  • [2] Emirbayer und Mische (1998) gehen in ihrer Arbeit „What is Agency?“ bis auf die Gedanken der Aufklärung als Ursprung der aktuellen Agency-Debatten zurück und geben dabei einen kurzen Abriss über den Diskurs, welcher der Frage nachgeht, ob einerseits Zweckrationalität oder andererseits normbasierte Handlungen als wahrer Ausdruck von Freiheit betrachtet werden können (vgl. ebd.: 964). Dabei gehen sie neben einer Betrachtung von Kant unter anderem auf Vorstellungen und Gedanken von John Locke, Adam Smith, Jeremy Bentham, John Stuart Mill und JeanJacques Rousseau ein (vgl. ebd.: 964ff.).
  • [3] Die Unterscheidung der drei Ebenen und deren charakteristische Eigenschaften spiegeln sich bei Emirbayer und Mische (1998) zu bestimmten Teilen in den von ihnen herausgearbeiteten Dimensionen von Agency wieder.
 
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