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2.2.2.5 Psychosoziale Situation

Personen, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind, haben beängstigende, oft traumatisierende Erlebnisse vor Ort und auf der Flucht erlebt. So schreibt Fritz (2004): „Sie alle haben Geschichten mitgebracht, die in ihnen leben, toben, wüten, die sie Tag und Nacht beschäftigen (…)“ (ebd.: 77). Experten zufolge sind bis zu 70% der Flüchtlinge traumatisiert (vgl. Penteker 2004: 18). Dabei wird Trauma als ein Vorgang beschrieben, „bei dem es durch ein oder mehrere von außen einwirkende Ereignisse zu einem Zusammenbruch der persönlichen Integrität kommt. Dabei ist das Ereignis stärker als die psychischen Schutzoder Bewältigungsmechanismen“ (ebd.). Wie das Trauma verarbeitet wird, hängt entscheidend von den (Lebens-)Bedingungen nach den traumatischen Erlebnissen ab. Nicht alle betroffenen Personen brauchen eine psychotherapeutische Behandlung. Alle aber brauchen „Sicherheit, ein geschütztes soziales Umfeld [und] die Möglichkeit, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“ (ebd.). Wie durch die vorangegangene Beschreibung der einzelnen Lebensbereiche ersichtlich wurde, sind dies Faktoren, die geduldeten Flüchtlingen oft fehlen. Institutionelle Ausgrenzungsund Diskriminierungserfahrungen, die Betroffene häufig als strukturelle Gewalt erfahren sowie die prekären Lebensbedingungen erschweren demzufolge die Verarbeitung der traumatischen Ereignisse, was zu physischen und psychischen (Folge-) Erkrankungen wie beispielsweise einer posttraumatischen Belastungsstörung führen kann (vgl. Emminghaus 2008: 37). Zugleich produzieren die vorgefundenen Bedingungen neue Problemlagen. Balluseck (2003) spricht dabei in bestimmten Fällen von einer „sekundären Traumatisierung“ (ebd.: 17) durch Ausgrenzungsund Ablehnungserfahrungen in der deutschen Gesellschaft und der ständigen Gefahr und Angst vor der Abschiebung, die den traumatischen Erfahrungen in ihren Herkunftsländern und auf der Flucht hinzugefügt wird (vgl. ebd.: 17, 81). Durch die behördliche Verwaltung produzierte neue bzw. zweite „Flüchtlingsexistenz“ (Hemmerling/Schwarz 2004: 9) werden die Personen immer wieder auf ihre Erlebnisse der Flucht und auf die Nichtzugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft hingewiesen (vgl. ebd.). Damit umfassen Problemlagen der geduldeten Flüchtlinge die Vergangenheit in Form von verstörenden Erlebnissen im Herkunftsland und auf der Flucht, die Gegenwart durch stigmatisierende Erfahrungen in der Aufnahmegesellschaft und die Zukunft aufgrund von fehlenden Perspektiven (vgl. Emminghaus 2008: 35). Das bei der Duldung ständige Gefühl von Abhängigkeit, von Fremdbestimmung des eigenen Lebens, dem Gefühl, nicht willkommen sondern unerwünscht zu sein, das verordnete Nichtstun, die Armut und die fehlenden Zukunftsperspektiven haben vielmals gravierende Auswirkungen auf die Persönlichkeit eines Menschen. Menschen verlieren das Vertrauen in sich und andere, das Selbstwertgefühl sinkt, Hoffnung und Optimismus weichen Mutund Kraftlosigkeit bezüglich des Lebens und der eigenen Zukunft (vgl. Hemmerling/Schwarz 2004: 10). Oft entwickeln Flüchtlinge eine neue Identität im Rahmen einer fiktiven Fluchtgeschichte, die den Anforderungen, die das Asylrecht an eine Schutzgewährung hat, entspricht. Im Zuge dessen lassen sich vielfach ein Identitätsverlust sowie eine „Doppelidentität“ (Klingelhöfer/Rieker 2003: 12) beobachten.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert psychische Gesundheit als „die Fähigkeit und Motivation, ein selbstverantwortetes Leben zu führen“ (zitiert nach Emminghaus 2008: 35). Gesundheit wird dabei multidimensional im Sinne einer ökonomischen, sozialen und individuellen Komponente angesehen. Die Duldung läuft diesem Begriff vielfach zuwider: ökonomisch durch die eingeschränkten Leistungen des AsylbLG bzw. der fehlenden Möglichkeit zur selbstständigen Erwerbstätigkeit, sozial im Sinne einer fehlenden gesellschaftlichen Teilhabe und Partizipation sowie der Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften und individuell in Form von „Apathie und Initiativlosigkeit bis hin zur Depression als Folge der erzwungenen Untätigkeit“ (Emminghaus 2008: 35). [1] In Deutschland kommen Balluseck (2003) zufolge weitere Faktoren der sozialen Ungleichheit wie Schicht, Geschlecht und Ethnizität sowie deren Interaktion mit dem Flüchtlingsstatus hinzu, welche die Entwicklungschancen vor allem junger Flüchtlinge beeinflussen (vgl. ebd.: 21ff.).

Das „erzwungene Leben im Zwischenraum“ (Hemmerling/Schwarz 2004: 5) bringt zahlreiche Folgen für das Leben von geflüchteten Familien mit sich. Eltern verlieren, zumindest subjektiv wahrgenommen, ihre Kompetenz und Rolle als Vorbild, die ihren Kindern Halt und Orientierung geben können, da es ihnen selbst oft daran mangelt (vgl. Penteker 2004: 19). Väter und Mütter können häufig materiell nicht selbstständig ihre Familie versorgen; Kinder übernehmen verfrüht Verantwortung und die Rolle der Erwachsenen, was sich negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken kann (vgl. ebd.). Oftmals gestaltet sich die Beziehung zwischen Eltern und Kinder schwierig, da Eltern ihre Erlebnisse und Traumatisierungen versuchen von den Kindern fernzuhalten, wodurch „Leerstellen“ (Kormann/Saur 1997: 100) in der Kommunikation zwischen Eltern und Kinder entstehen.

  • [1] Diese Beschreibungen sollen keinesfalls generalisierend sein. Die Autorin ist sich bewusst, dass jede Geschichte anders ist und jede Person individuell mit vergangenen Erfahrungen umgeht. An dieser Stelle soll auf keinen Fall jedem geduldeten Flüchtling psychische oder physische Erkrankungen unterstellt werden, sondern nur ein Möglichkeitsraum, in dem sich Studien zufolge leider viele (geduldete) Flüchtlinge befinden, aufgezeigt werden.
 
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