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4.2 Ferdinand Tönnies: Die Grundbegriffe der reinen Soziologie als "Knochengerüst der Geschichte"

Eine gänzlich andere Grundintention prägt demgegenüber die wissenschaftliche Arbeit von Ferdinand Tönnies. Zwar gilt auch Tönnies' Bemühen der wissenschaftlichen Erfaßbarmachung der sozialen Tatsachen und mithin der Begründung der soziologischen Erkenntnis, doch begreift er die Soziologie nicht als Teil eines Wissenschaftssystems – und schon gar nicht als dessen Abschluss –, und er beschäftigt sich auch nicht mit solch monumentalen Themen wie etwa demjenigen der "Weltentwicklung" oder hat gar die Bestimmung des "Prinzips aller Erscheinungen" im Sinn. Tönnies ist es im Gegenteil darum zu tun, "die biologische", "die psychologische" und "die eigentlich soziologische Ansicht der Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens" voneinander zu unterscheiden und dabei auch zu zeigen, welches die Spezifika dieser Ansichten sind, wobei allein schon der Gedanke, die soziologische Ansicht sei in der psychologischen oder gar der biologischen Ansicht begründet, sich verbietet. [1] Zum "Thema" von Gemeinschaft und Gesellschaft schreibt Tönnies – eine Bestimmung, auf die er sich auch in seiner Rezension von Ratzenhofers Die Sociologische Erkenntnis wiederum bezieht [2]:

"Aber nicht um Gattungen und Arten, also nicht in bezug auf Menschen um Rasse, Volk, Stamm als biologische Einheiten, soll die gegenwärtige Betrachtung sich bewegen; sondern der soziologische Sinn, dem gemäß die menschlichen Verhältnisse und Verbindungen als lebendige oder hingegen als bloße Artefakte gedacht werden, steht uns vor Augen [...]". [3] Damit scheiden – anders als bei Ratzenhofer

– substantielle Beschaffenheiten von bestehenden Sozialgebilden ebenso wie von gelebten sozialen Beziehungen als Mittel zur Bestimmung des soziologischen Sinns menschlicher Verhältnisse definitiv aus und ist der soziologische Sinn des menschlichen Zusammenlebens folgerichtig ein begriffliches – und letztlich kategoriales – Konstrukt. "Soziale Verhältnisse zu begreifen stellt" – wie es in "Das Wesen der Soziologie" heißt – die "Aufgabe einer theoretischen Wissenschaft dar" – einer Wissenschaft, deren "Objekte" nicht durch Mess-Instrumente "und auch durch andere Sinne nicht wahrnehmbar sind". "Nur der Gedanke vermag sie zu erkennen". [4] Und dies wiederum erklärt die Grundintention von Tönnies wissenschaftlicher Arbeit: die Ausarbeitung eines Systems von "Grundbegriffen", welche uns die Sozialwelt als solche zuallererst denkbar und darstellbar machen

– eines Systems, dessen Architektonik nichts Geringerem als dem Aufbau der Sozialwelt selbst Gestalt verleiht – zumindest dessen Grundstruktur – und uns die Gesamtheit der Sozialverhältnisse ebenso wie jedes einzelne von ihnen begreifbar werden läßt "aus einem Punkte". [5]

Das Ursprungsmotiv von Tönnies' wissenschaftlicher Arbeit liegt in einer Einsicht, die er gewonnen hat aus seinen Betrachtungen zur Geschichte des Mittelalters. Demnach gab es einst Lebensformen, die ihren Grund allein in einem unmittelbaren, archaischen Gemeinschaftsglauben besaßen und die deshalb gedacht werden müssten als dem gegenwärtigen, durch die Vernunft bestimmten Zusammenleben entgegenstehend; zwar sei – so lautet sein Befund – diese "Welt" für uns heutige Menschen "unwiderbringlich verloren", und doch führe auf sie als der "Wachstumsund Blütezeit unseres Volkes" unsere jetzige Existenz vollumfänglich zurück. [6] Und nur wer die heutige, rationalistische Denkweise um die mit dieser früheren Welt befaßte "romantische" oder, wie es später heißt, "historische Denkweise" erweitert, der verfügt Tönnies zufolge über die notwendigen theoretischen Voraussetzungen, um eine Einsicht davon zu gewinnen, wie sich die geschichtliche Entwicklung und, darin einbegriffen, die Genesis unseres sozialen Lebens darstellt. Es gilt, diese "romantische Denkweise" "in unsere(n) theoretischen Betrachtungen – ethischen und soziologischen und geschichtsphilosophischen – [...] soweit [zuzulassen]", dass wir auch diejenige Zusammenhalt stiftende Kraft "gebührend würdigen", welche der durch die "Vernunft bis jetzt irgendwo in der Geschichte der Menschen bewährt(en)" noch voransteht, nämlich "die sittliche Kraft der Religion". [7]

Gemeint ist eine Religion, die jeder vernünftigen, mit "wissenschaftlicher Denkart vereinte[n] [oder besser: zu vereinbarenden] Religion" entgegensteht – oder "gegen sie gleichgültig" ist – und daher von Tönnies eine "eigentlich abergläubische Religion" genannt wird. [7] Allerdings geht es Tönnies bei der Religion gerade nicht um das Religiöse selbst – herrschende Moral, theologische Ethik –, sondern um die durch die Religion gestiftete Form sozialen Verbundenseins, also um das eigentlich Soziale in und an der Religion. Und dieses steht zu den religiösen Inhalten in einem Verhältnis der Indifferenz. Insofern entspricht Tönnies' Interesse an der Religion dem gleichgerichteten Interesse Emile Durkheims. [9] Abergläubische Religion ist für Tönnies mithin der Inbegriff einer Form sozialen Verbundenseins – und nur wer die durch sie ausgedrückte ›nicht-vernünftige‹ "Denkart" in seinen theoretischen Betrachtungen zulässt oder, wie es adäquater heißen muss, in seine theoretischen Betrachtungen integriert, dessen Blick reicht an die mit diesen früheren Lebensformen gegebene Zusammenhalt stiftende Kraft überhaupt heran. [10] Dort, wo die Lebensformen durch die Vernunft bestimmt sind, die Menschen als Individuen zusammenleben, gründen die theoretischen Betrachtungen dagegen naheliegenderweise in der rationalistischen Denkweise.

In diesem Zusammenhang erklärt sich auch Tönnies' Bemühen, die beiden Denkweisen zu verbinden zu einer Gesamtsicht der Sozialwelt, wobei für ihn aufgrund seiner wesentlich an Hobbes und Galilei orientierten und von metaphysischen Begründungsansprüchen sorgfältig freigehaltenen Wissenschaftsauffassung allerdings von vornherein feststeht, dass diese Gesamtsicht nur realisiert werden kann in Form einer Begriffskonstruktion. Was Tönnies sich zum Vorbild nimmt, sind die präsumtiv allgemeinen Begriffe im Sinne der modernen galileischen Naturwissenschaft [11], doch sollen diese Begriffe nicht mehr sein als allgemeine Feststellungen, Instrumente, mittels derer zwar – gleich einer Geometrie des Heterogenen – die Konstitution der Wirklichkeit demonstriert werden soll, deren Geltungsanspruch dennoch nicht mehr als die Denkbarmachung des jeweiligen Gegenstandes umfasst. Auch Tönnies betreibt Erkenntniskritik, wenngleich nicht nach Maßgabe Kants. [12] Das Denken in seiner höchstentwickelten Gestalt, als Intellekt, ist für Tönnies vielmehr der Inbegriff einer reflexiv gewordenen Vernunft, welche, gewahr ihrer Herkunft, in der Wirklichkeit die Stadien respektive Verkörperungen ihres eigenen Hervorwachsens finden oder, besser, wieder-finden will. Und es sind die Begriffe in ihrer präsumtiv allgemeinen oder, präziser, kategorialen Bedeutung, die es ermöglichen, die sozialen Lebensformen in ihrem ureigensten Bestand, in der sie konstituierenden "Denkart", aufzuweisen, um sie schlussendlich auch in die Gestalt wissenschaftlicher Begriffe überzuführen. Es ist der Wachstumsund Entstehungsprozess des gegenwärtigen menschlichen Zusammenlebens, den Tönnies in Gestalt eines Systems von erkenntnisleitenden Begriffen gleichsam nachbilden wollte, auf dass im Kleinen, in der Mannigfaltigkeit der Tatsachen sichtbar gemacht zu werden vermöge, wie sich in Überlagerungen, Umschichtungen, komplexen Durchdringungsverhältnissen der Elemente sozialen Zusammenhalts die Lebensformen des Industriezeitalters, der modernen Sozialwelt hervorgebildet hatten. Was ihm als Grundlage aller Erkenntnisarbeit vorschwebte, war nichts Geringeres als ein in Begriffsform gefasstes "Knochengerüst der Geschichte". [13] Und dem Anliegen, für die Erkenntnis des menschlichen Zusammenlebens die benötigten Begriffe auch tatsächlich zur Verfügung zu stellen, verdankt sich schließlich die Ausarbeitung des Theorems von "Gemeinschaft und Gesellschaft".

  • [1] Tönnies 2000 [1907]: 479ff
  • [2] Tönnies 1929 [1902]: 325
  • [3] Tönnies 1979: 6
  • [4] Tönnies 2000[1907]: 484; zweite Hervorh. v. mir; PUMB
  • [5] Tönnies 1979: XXXIII. An dieser Stelle eröffnet sich die Möglichkeit zu einigen zusätzlichen Bemerkungen das Verhältnis Tönnies-Comte, das Verhältnis RatzenhoferComte sowie schließlich – die gewonnenen Einsichten zusammennehmend – das Verhältnis Tönnies-Ratzenhofer betreffend. In seinem Artikel "Comtes Begriff der Soziologie" aus dem Jahre 1908 stellt Tönnies unmissverständlich fest, die Soziologie müsse "Denkmittel schmieden", sprich: Grundbegriffe ausarbeiten, "um [die] Wirklichkeit zu verstehen". Sie müsse "in erster Linie die Wirklichkeit und nicht ein Ideal des sozialen Lebens ins Auge fassen". Zweiteres aber sei gerade das Ziel von Comte, bei dem bereits in den Cours [de philosophie positive] "der streng theoretische Gesichtspunkt überwuchert [sei] von den Zielen des Reformators, des Propheten, der sich zuletzt entwickelt [habe] zum Religionsstifter". Schlussendlich habe Comte gar "mit Recht" für sich in Anspruch nehmen können, "daß er seit 30 Jahren als bestimmtes Ziel im Auge gehabt habe, die geistliche Macht, die im Mittelalter auf so bewundernswerte Art entwickelt gewesen sei, in würdiger Weise zu ›rekonstruieren‹, und daß es eine notwendige Konsequenz seines Gedankens gewesen sei, die moralische Überlegenheit des ›Positivismus‹ auf die Höhe der vorher etablierten intellektuellen zu erheben". Wer indes solche Ziele verfolge und mithin die fundamentalen Gesetze der sozialen Entwicklung gleichzeitig als Gestaltungsprinzip der Entwicklung der Menschheit begreife, dessen Werk könne – so das Urteil von Tönnies – nicht "in einem strengen und wissenschaftlichen Sinne" als "Soziologie" gelten (Tönnies 1926 [1908]: 122). Zu prinzipiell demselben Urteil gelangt der Ratzenhofer-Interpret Otto Gramzow, wenn er festhält, Comte habe "in der zweiten Periode seiner Entwicklung eine entschiedene Richtung zur Religion und Metaphysik" genommen, während Ratzenhofer "seinen positivistischen Anschauungen nicht nur treu geblieben" sei, sondern "sie mit jedem späteren Werke zu schärferer begrifflicher Ausprägung gebracht" habe (Gramzow 1904: 56). Zwar beherrsche – wie es an anderer Stelle heißt – "das Urkraftprinzip bei Ratzenhofer jeden Zug seines Weltbildes", weshalb es "ganz natürlich" sei, "dass sein System weitgehende Aehnlichkeit mit den Systemen der Metaphysiker aufweis[e]", etwa mit den Systemen von Schelling, Hegel und Schopenhauer (Gramzow 1904: 60). Doch was "Schelling nur vorausahnen durfte, [...] die Abstammung aller organischen formen von einer Urform und die einheit aller Naturgesetze [...] [,] das bietet" – Gramzow zufolge – "ihm [Ratzenhofer; PUMB] die Naturwissenschaft als erwiesene Erkenntnistatsachen dar" (Gramzow 1904: 62. Und wie die gesamte "Natur das Werk der sich selbst getreuen Urkraft ist", so stimmen menschliche Vernunft und Weltvernunft formal und inhaltlich überein, ist ihr beider Inhalt "das inhärente Interesse der Selbsterhaltung" und wird damit die Vernünftigkeit von einem geistig, intellektuellen Prinzip – wie dies bei Hegel der Fall ist – zu einem Prinzip, wie es die Logik des Faktischen bestimmt (Gramzow 1904: 63). Das unveräußerliche Interesse der Selbsterhaltung und Selbstentwicklung ist wiederum – so Gramzow weiter – nur ein anderer Name für den Schopenhauerschen Weltwillen, und Erkennen ist nichts anderes als eine Willensäußerung, mit der der Mensch sich der Ursächlichkeit der Erscheinungen, ihres Aufgehens im Weltganzen bewusst wird. Und der "letzte Grund unserer Kausalitätsvorstellung" ist die "im All waltende Kausalität", Inbegriff des Wirkens der Urkraft (Gramzow 1904: 66). Bei aller Zustimmung zu Gramzows Ratzenhofer-Interpretation – vom schwierigen Verhältnis zwischen dem Schopenhauerschen Weltwillen und Ratzenhofers Urkraft einmal abgesehen –, so groß wie vorgegeben ist der Unterschied zwischen Comte und Ratzenhofer indes nicht. Und wenn daher Gramzow davon spricht, Comte habe "eine entschiedene Richtung zur Religion und Metaphysik" genommen, so gilt in Bezug auf die Metaphysik dasselbe auch für Ratzenhofer. Was Ratzenhofer tatsächlich von Comte unterscheidet, ist sein Anspruch, die Metaphysik zu einem positiven Monismus gemacht, sie recht eigentlich in die Gestalt eines positiven Monismus übersetzt zu haben. Die Begründungsansprüche, die mit diesem positiven Monismus verbunden sind, entsprechen nach wie vor denjenigen einer Metaphysik, doch sollen die Entwick lung und ebenso die Einheitlichkeit aller (Welt-)Erscheinungen, verstanden als von der Urkraft gewirkte, nunmehr von den Naturwissenschaften als – wie es heißt – "Erkenntnistatsachen [erwiesen]" werden können. Die Naturwissenschaften, sprich: die Wissenschaften überhaupt und mithin auch die Soziologie, sind in ihrem Bestreben, Phänomene zu klassifizieren, Gesetzmäßigkeiten zu ermitteln, allgemein: die empirische Wirklichkeit auf den Begriff zu bringen, nunmehr Bestandteile, Konstituenzien der Metaphysik, wobei das eigentlich Metaphysische im Prinzip der Urkraft besteht. – Tönnies dagegen ist es weder um Metaphysik zu tun, noch gilt sein Erkenntnisinteresse in irgendeiner Weise der Bestimmung von Gestaltungsprinzipien der Entwicklung der Menschheit, näherhin von Prinzipien moralischer Höherentwicklung. Ausarbeitung der Grundbegriffe der reinen Soziologie, eines Systems soziologischer Kategorien – mehr hat er nicht im Sinn
  • [6] Tönnies/Paulsen 1961: 61. Dieses Zitat entstammt dem von Tönnies an seinen Freund Friedrich Paulsen gerichteten Brief vom 30.1.1979 – einem Brief, dessen Bedeutung für das Verständnis des Tönniesschen Werks wohl kaum zu überbieten ist, wird darin doch in Aussicht gestellt, was Tönnies in den darauffolgenden Jahren und schließlich in der ersten Ausgabe von Gemeinschaft und Gesellschaft von 1887 zu realisieren suchte
  • [7] Tönnies/Paulsen 1961: 61
  • [8] Tönnies/Paulsen 1961: 61
  • [9] Bereits in seiner Eröffnungsvorlesung "Einführung in die Sozialwissenschaft", gehalten 1887-1888 in Bordeaux, bezeichnet Durkheim die Moral – gemeint ist auch und gerade die religiöse Moral – als wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand. Wir werden sie – wie er ausführt – "wie ein System natürlicher Phänomene bobachten, die wir unserer Analyse unterwerfen, und deren Ursachen wir suchen werden: die Erfahrung wird uns lehren, daß sie sozialer Ordnung sind" (Durkheim 1981a: 49). Und ein Jahr später, in seiner Vorlesung "Einführung in die Soziologie der Familie", gehalten im Studienjahr 1888-1889, wiederum in Bordeaux, heißt es, dass bei einem "Studium" der Religion "es vielleicht nicht schwierig [werde], zu zeigen, dass sich genau hier der Kernpunkt der Sozialwissenschaft befindet" (Durkheim 1981b: 74). Schließlich – als gelte es, das Ganze noch zu unterstreichen – schreibt Durkheim im zweiten Band der Zeitschrift "L'Année Sociologique": "La religion contient en elle, dès le principe, mais à l'état confus, tous les éléments qui, en se dissociant, en se déterminant, en se combinant de mille manières avec eux-mêmes, ont donné naissance aux diverses manifestations de la vie collective" – mit einem Wort: enthält die Religion diese prinzipiellen Elemente, dann ist sie auch die Matrix kollektiven, sozialen Lebens überhaupt (Durkheim 1969 [1897-1898]: 138).Vgl. hierzu auch Merz-Benz 2007: 76ff
  • [10] Auch wenn das Thema "Religion" im Zuge der Entwicklung von Tönnies' Soziologie etwas in den Hintergrund tritt, so ändert dies nichts an der systematischen Bedeutung der "abergläubischen Religion" und der durch sie repräsentierten ›nicht-vernünftigen‹ "Denkart" für die begriffliche Bestimmung all derjenigen Sozialformen, deren Zusammenhalt nicht rational begründet ist – mit einem Wort: der Sozialformen der "Gemeinschaft". Auf der Stufe der "Gemeinschaft des Ortes" – der zweiten von drei Stufen der begrifflichen Ausdifferenzierung von Gemeinschaft – "scheint unter allen Künsten jener der Vorrang zuzukommen, welche den Willen der Unsichtbaren zu erkennen, zu deuten oder zu bewegen", sprich: den Willen der Götter in Recht und Rechts-Ordnung zu übertragen und den Mitgliedern der jeweiligen Gemeinschaft die Angst vor dem Zukünftigen, wie es "verborgen, oft drohend und fürchterlich vor uns steht", zu nehmen "weiss" (Tönnies 1979: 15). Auf der dritten Stufe, der "Gemeinschaft des Geistes", stehen schließlich "die Kultgenossenschaft, Brüderschaft, die religiöse Gemeinde: diese zugleich der letzte und höchste Ausdruck, dessen die Idee der Gemeinschaft fähig ist" (Tönnies 1979: 20).
  • [11] Vgl. Merz-Benz 1995: § 5a. Zu Tönnies' Konzeption einer Erkenntnistheorie vgl. insgesamt Merz-Benz 1995: Teil I sowie den ersten und vor allem den dritten Beitrag in diesem Band
  • [12] Vgl. Merz-Benz 1995: § 5c. Äußerst aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Tönnies' Ausführungen in der "Vorrede zur ersten Auflage" von Gemeinschaft und Gesellschaft im Jahr 1887. Der Gegenstand, an dem Tönnies seine Auffassung von Erkenntnis zu explizieren sucht, ist der Übergang vom "reinen Empirismus Hume's" zur "kritischen Philosophie" Kants (Tönnies 1979: XVff.). Anders als sein langjähriger Freund und zeitweiliger Mentor Friedrich Paulsen sieht Tönnies die kritische Philosophie Kants dabei tatsächlich als "Überwindung" des Humeschen Empirismus, wenngleich er einschränkt, dass der entscheidende Gedanke, der Gedanke, "mit welchem Kant […] wirklich [über] die Hume'sche Darstellung" hinausgegangen ist, seiner "Auslegung", will heißen: seiner expliziten wissenschaftlich-philosophischen Fassung erst noch bedarf (Tönnies 1979: XVII; Hervorh. v. mir; PUMB; Tönnies' Hervorh. wurde weggelassen). Was es zu erläutern und anschließend – und überhaupt erst – zu begründen gilt, ist zuvorderst das von Hume "entdeckte" "psychologische Gesetz" der Übertragung von Wahrnehmungen (impressions) in gesicherte, irrtumsfreie Vorstellungen des Bewusstseins (ideas) (Tönnies 1979: XVI). Auf dieses "psychologische Gesetz" kommt es gerade an, denn ein solches Gesetz gefunden zu haben bedeutet gleichzeitig, zeigen zu können, wie Wahrnehmungen, Bewusstseinseindrücke von prärationaler Fassung, von ›nicht-vernünftiger‹ "Denkart", notwendig in gesicherte Vorstellungen, in eine rationale Gestalt übertragen werden. Der Begriff, mittels dessen Tönnies dieses "psychologische Gesetz" schließlich begründet, ohne allerdings weiter von einem solchen Gesetz zu sprechen, ist der Begriff des Willens – Stichwort: Entwicklung der Willensformen als Veränderung einer "psychischen Realität".
  • [13] Diese sehr treffende Bezeichnung findet sich erstmals in Tönnies' Brief an Friedrich Paulsen vom 26.1.1882 (Tönnies/Paulsen 1961: 146f.).
 
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