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Historismus, Empirismus und Rationalismus

Der ideengeschichtliche Kontext von Ferdinand Tönnies' Begriff der Sozialwissenschaft

Es ist in der Tat Großes, das Tönnies mit seinem Werk Gemeinschaft und Gesellschaft im Sinn hat. Schon die Einleitungssätze zur "Vorrede der ersten Auflage" von 1887 lassen daran keinerlei Zweifel. Eine "neue Analyse der Grundprobleme des socialen Lebens" soll versucht werden [1] – ein Unternehmen, für das es "von nicht geringer Bedeutung" sein soll, ein "Verhältniß" zum "Gegensatz der historischen gegen die rationalistische Auffassung [...] zu gewinnen". [2] Letzteres erscheint umso notwendiger, als – wie es erläuternd heißt – dieser Gegensatz nicht nur "im Laufe dieses Jahrhunderts in alle Gebiete der Sozialoder Culturwissenschaften eingedrungen [ist]", sondern "an seiner Wurzel" auch "[zusammen]trifft mit dem Angriff des Empirismus und der kritischen Philosophie auf das stabilirte System des Rationalismus, wie es in Deutschland durch die Wolffische Schule seine feste Darstellung gefunden hatte". [2]

Wer nun allerdings annimmt, Tönnies lasse sich, was sein Verhältnis zum Gegensatz von historischer und rationalistischer Auffassung angeht, zu einer Klärung herbei, der wird enttäuscht. Was in der "Vorrede" weiter folgt, ist eine äußerst komprimierte, nur schwer entschlüsselbare Ausdeutung des Übergangs von Hume zu Kant, gefolgt von einer unvermittelt eingeschobenen Erörterung des Hobbesschen Begriffs von wissenschaftlichem Denken – wobei Hobbes namentlich nicht einmal genannt wird – und schließlich einer angesichts des bisher Festgestellten vollends befremdlichen Darstellung des Verhältnisses von Wissenschaft und Philosophie. Erst im letzten Teil der "Vorrede", dort, wo er gegen den in den Sozialwissenschaften konstatierten Richtungskampf eine "universale Betrachtung" anmahnt, eine Betrachtung, die über den parteigebundenen "Fundamenten der Theorie" stehen und sogar die "Geschichte selber" lediglich als "ein Stück der Schicksale eines Planeten" begreifen soll, kommt Tönnies – wenngleich nur kurz – zumindest auf den Gegenstand der "rationalen Disciplinen" zu sprechen. [4] – Während demnach die "empirische und dialektische Philosophie" die "engste Betrachtung" menschlichen Zusammenlebens "in einen einzigen Brennpunkt zu bringen" hat [5], die Betrachtung dessen, was im täglichen Leben "als der Menschen Thun und Treiben vor meinen Augen und Ohren" sich vollzieht [4], sollen die rationalen Disziplinen gerade mit dem Allgemeinen innerhalb der "Nothwendigkeiten des Lebens, [den] Leidenschaften und Thätigkeiten der menschlichen Natur" befasst sein [7]. Genannt ist einmal die "reine Rechtswissenschaft (das Naturrecht)", welcher die Bestimmung derjenigen "ideellen Verhältnisse und Verbindungen [von] Willen" obliegt, welche, was ihre Urheberschaft angeht, auf die "auf vernünftige Weise [willkürlich; PUMB] strebende[n]" Individuen zurückgehen. [7] Und genannt ist gleichfalls die "politische Oekonomie": ihr Gegenstand sind die "Veränderungen gegebener Vermögens-Zustände", wie sie entstehen aus den durch die Rechtsverhältnisse zwischen den Individuen vermittelten "Berührungen im Verkehr". [7] Die reine Rechtswissenschaft vergleicht Tönnies mit der "Geometrie", die politische Ökonomie mit der "abstracten Mechanik" [7] - damit hervorhebend, dass jene mit den rein vernunftmäßig konstruierten Verhaltensnormen, diese dagegen mit den Bewegungsgesetzen des innerhalb dieser Normen möglichen ›materiellen‹ Zusammenlebens befasst ist. [11] Lassen diese Festlegungen in Bezug auf Tönnies' Vorstellung einer rationalistischen Auffassung in den Sozialwissenschaften immerhin gewisse Rückschlüsse zu, so kann Gleiches für die historische Auffassung nicht behauptet werden. Von ihr ist – abgesehen von der zitierten Ankündigung – in Gemeinschaft und Gesellschaft überhaupt nicht die Rede, wie Tönnies im Übrigen auch auf die rationalistische Auffassung nicht mehr weiter eingeht; im Sachverzeichnis von Gemeinschaft und Gesellschaft fehlt sogar für beide das entsprechende Stichwort.

Wer über Tönnies' Begriff von Sozialwissenschaft tatsächlich Klarheit gewinnen will, der sieht sich daher auf andere Quellen verwiesen: auf Tönnies' Publikationen aus der Zeit zwischen 1875, dem Jahr seiner Dissertation, und dem Erscheinen der ersten Auflage von Gemeinschaft und Gesellschaft 1887, vor allem aber auf seinen Briefwechsel mit Friedrich Paulsen. [12] Diese Korrespondenz, die vom ersten Zusammentreffen der beiden im Wintersemester 1875/76 in Berlin bis zu Paulsens Tod 1908 reicht, ist für die Interpretation des Tönniesschen Werks insofern äußerst ergiebig, als sich gerade durch die Analyse der einzelnen Briefdokumente eine vertieftere Interpretation der von Tönnies' publizierten Texte gewinnen lässt, bis hin zu einer nahezu lückenlosen Rekonstruktion der Genesis seines Denkens. Denn nicht nur äußert sich Tönnies Paulsen gegenüber sehr freimütig und direkt über seine Erkenntnisabsichten, die Schwierigkeiten und die allenfalls erreichten Fortschritte bei der Arbeit; vielmehr lässt er sich sogar dazu herbei, diesen selbst über Inhalt und Zeitpunkt seiner Lektüre genauestens zu orientieren.

Im Folgenden will ich es unternehmen, wenigstens zwei Abschnitte des Tönniesschen Denkwegs bis zur Entstehung seines Hauptwerks Gemeinschaft und Gesellschaft zu begehen: denjenigen, welcher die Entwicklung und Ausbildung des Gegensatzes von historischer und rationalistischer Auffassung in den Sozialwissenschaften (1.), und denjenigen, welcher die Thematisierung des Übergangs vom Empirismus zum Rationalismus umfasst (2.).

Demnach muss im "erkenntnisstheoretischen Denken" von Hobbes das sich herauskristallisierende Ideal der modernen Naturwissenschaft als solches erst zur Geltung gebracht werden (Tönnies 1879), wozu es Geometrie und Mechanik zunächst zu entmischen und anschließend neu zusammenzufügen gilt: in einer Wissenschaft, deren Demonstrationsfähigkeit sich über den Kontext der geometrischen Figuren hinaus auf die Konstitution der Wirklichkeit und, als Teil von ihr, auch der sozialen Wirklichkeit bezieht, eben einer ›Geometrie des Heterogenen‹; dieser Gedankengang ist ausführlich dargestellt im dritten Beitrag dieses Bandes "Erkenntnis diesseits und jenseits der Kantianismus – Ferdinand Tönnies' Weg zu einer ›Methode, die mit der Schöpfung der Dinge selber übereinstimmt‹".

  • [1] Vgl. Tönnies 1979: XV
  • [2] Tönnies 1979: XV
  • [3] Tönnies 1979: XV
  • [4] Vgl. Tönnies 1979: XXI
  • [5] Vgl. Tönnies 1979: XXIf
  • [6] Vgl. Tönnies 1979: XXI
  • [7] Vgl. Tönnies 1979: XXII
  • [8] Vgl. Tönnies 1979: XXII
  • [9] Vgl. Tönnies 1979: XXII
  • [10] Vgl. Tönnies 1979: XXII
  • [11] Das hier angesprochene Verhältnis von Geometrie und (abstrakter) Mechanik wird von Tönnies später gleichsam aufgehoben in der Idee einer ›Geometrie des Heterogenen‹; vgl. hierzu Kap. 2.1 in diesem Aufsatz. Diese Maßnahme geht zurück auf eine Einsicht, die Tönnies in seiner Auseinandersetzung mit der Philosophie von Thomas Hobbes gewonnen hat und die für ihn den Ausgangspunkt zur Entwicklung eines/ seines Begriffs wissenschaftlicher und insbesondere soziologischer Erkenntnis bildet
  • [12] Vgl. Tönnies/Paulsen 1961
 
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