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1.4 Wille und Willenskraft

Bevor wir uns allerdings eingehender mit dem Thema der Rationalität und schließlich mit Tönnies' Erkenntnistheorie als ganzer beschäftigen können, bedarf es zusätzlich der Feststellung, dass der causa-Gedanke in der beschriebenen Art nicht allein auf Spinoza – und mittelbar auf Hobbes – zurückgeht, sondern noch einen weiteren Einfluss erkennen lässt: Schopenhauers Begriff der Natur als eines Stufenreichs von Manifestationen des Willens. Erneut werden in Tönnies' Denken metaphysische Spuren sichtbar, steht doch auch bei ihm der Wille als die Urkraft allen Wirkens und sind folgerichtig die Ausgestaltungen der Natur bis hin zur Entwicklung des Intellekts und zu den Gestaltungen der Sozialwelt als Kausalverhältnisse zu begreifen und mithin als Objektivationen des Willens. Der all-eine Wille ist es letztlich, der uns die Natur selbst, die als Erkenntnisgrund und als Ursache aller Erscheinungen gesetzte causa, als Einheit denken lässt. Denn die causa als allgemeinster Begriff umfasst zwar das sich in allen Wirkungsbeziehungen der Natur Erhaltende oder eben, nach Tönnies, die "Energie"; doch ist die causa selbst nicht auch der Grund ihrer eigenen Einheit, sondern diese ruht im Willen, der die sich im naturhaften Wirken erhaltende Energie erst ausmacht. Tönnies folgt Schopenhauer schließlich auch dort, wo es – im Zuge der Ausdifferenzierung der Natur – um das Übergehen des Willens in höhere Gestalten geht, denn auch Tönnies spricht von der aus dem Anfangszustand rein mechanischer Wirkungszusammenhänge hervorgehenden organischen Stufe, vor allem aber von der vom Organischen aus stattfindenden Besonderung der Willenskraft zu einer Kraft, von der eine "geistige Wirkung" [1] ausgeht: der als Motivation sich äußernden Willenskraft als der insbesondere für das Bestehen der Sozialverhältnisse verantwortlichen natürlichen Kausalität. Fest steht: "die historische und actuelle Cultur, d.i. menschliches Zusammenleben und seine Werke" [2], entspringen sämtlich der Motivation; mit anderen Worten: sie entspringen den schon der Sphäre des Menschlichen angehörenden, ihrer Natur nach aber per se allgemeinen Willensgestaltungen, die "als Ursachen oder als Dispositionen zu Tätigkeiten gedacht werden" [3] - und das wiederum kann nur heißen, dass die Sozialverhältnisse, stabile Wirkungsverhältnisse menschlicher Tätigkeiten, als "Thatsachen der generellen Psychologie" zu begreifen sind. [2] Dies ist auch der Sinn von Tönnies' Rede, "alle sozialen Gebilde [seien] Artefakte von psychischer Substanz". [5] Sozialverhältnisse sind – ein früheres Tönnies-Zitat paraphrasierend – begründet in einer gemeinsamen Ursache, die nicht in Qualitäten oder, allgemein, in Eigenschaften der Sozialverhältnisse ausdrückbar ist – der bestehenden ebenso wie der noch einzurichtenden –, denn sie ist nichts Geringeres als die Sozialität selbst, sprich: das Soziale der Sozialverhältnisse. Sozialverhältnisse müssen verstanden werden als geistige Gebilde, von ihren Mitgliedern gemeinsam in Geltung gesetzt, um sie als "vorgeschriebene" oder doch "vorgedachte Formen" für sich "wollen und handeln" [6], sprich: um sie als das, was ihrem Zusammenleben Ordnung verleiht und es auf diese Weise erst möglich macht, wirken zu lassen. Selbst diejenigen Sozialgebilde bzw. Artefakte, deren Konstruktion rein rationalen Kriterien gehorcht, sind uneingeschränkt als "Thatsachen der generellen Psychologie" zu begreifen. Denn obgleich sie einer intellektuellen Disposition entspringen, sind doch auch sie Objektivationen eines gemeinsamen Willens und mithin von "psychischer Substanz". Und mit den Sozialgebilden, die, obzwar gedachte, mit dem "Künstlich-Tätigen" nichts gemeinsam haben, sondern durch "naive Anschauung und künstlerische Phantasie, volkliche[n] Glaube[n] und begeisterte Dichtung [...] zu lebendigen [...] Erscheinungen" gestaltet werden [7], verhält es sich selbstverständlich gleich, nur dass in ihnen – und durch sie – die Willenskraft einen anderen Ausbildungsstand besitzt. Zur begrifflichen Bestimmung der Willensentwicklung oder, präziser, des Auseinanderhervorgehens der für den Bestand der Sozialverhältnisse verantwortlichen Willenskräfte hat Tönnies sein "Theorem von Wesenwille und Kürwille" ausgearbeitet. [8] Und mithin gilt: Sozialgebilde künstlicher Art, Artefakte, verstanden als rationale Konstrukte, fallen unter den Titel "Gesellschaft", Sozialgebilde als etwas Lebendiges, Artefakte auch sie, doch erfüllt und getragen durch Anschauung, Phantasie, Glaube, Intuition, heißen "Gemeinschaft". Das ist das "Theorem von Gemeinschaft und Gesellschaft", und davon untrennbar "das von Wesenwillen und [Kürwille] .[...]. Zwei Typen sozialer Verhältnisse – zwei Typen individueller Willensgestaltungen – beide doch aus einem Punkte zu begreifen". [9] Im Begriff des Willens gehen bei Tönnies Sozialtheorie und Erkenntnistheorie gleichsam ineinander über.

Die höchste Ausgestaltung des menschlichen Willens repräsentiert das Hervortreten des Denkens, und zwar in der Form des wissenschaftlichen Denkens, welches nunmehr – immer noch prinzipiell als Erinnerung auftretend und unter dem Primat der Kategorie der Kausalität stehend – einen eigentlichen Begriffsund Wortschematismus aufzuziehen oder, im Tönniesschen Sinne, eine Terminologie zu begründen in der Lage ist: sei es um mit "wissenschaftlichen Gleichungen die Maßstäbe [zu liefern], auf welche die wirklichen Verhältnisse zwischen den wirklichen Objecten bezogen werden" können [10], oder sei es um "ein bindendes Urteil [zu fällen] über den Gebrauch von Wörtern in bestimmtem Sinne, wonach der Denkende in den Sätzen seiner Rede sich richten kann und will; und zugleich imstande ist, für die Vergleichung und derselben angepaßte Bezeichnung der wirklichen Dinge und Verhältnisse solche Einheit als einen Maßstab anzuwenden". [11] Kurz: Um die "Verhältnisse und Zusammenhänge" des Wirklichen zu erfassen, werden Maßstäbe in dieses gleichsam hinein-"fingiert", und in dieser Form des "Künstlich-Tätigen" besteht Wissenschaft. [7] Doch selbst das wissenschaftliche Denken ist bekanntlich – wie jedes Denken – zeichenvermittelte Erinnerung [13], und mithin reicht das wissenschaftliche Tätigsein auch dorthin, wo der Begriff (noch) "lebendig" ist [7], die geistige Wirkung genannt Denken sich hervorbildet. In diesem Sinne ist das Be-zeichnen für Tönnies immer auch ein (kritisches) Aufweisen des eigenen Hervorgehens aus der Wahrnehmung und dem Wahrgenommenen – und insofern ein Akt der Selbstreflexion des Geistes.

Immer ist jedoch daran zu denken, dass diese Begriffe aus der Entwicklung des Erkenntnisvermögens stammen, also "Gedankendinge" darstellen [15], welche, "Werkzeugen" vergleichbar [16] – hier schlägt gleichsam der Einfluss von Hobbes wieder durch –, uns helfen sollen, die mannigfaltige Wirklichkeit für uns "denkbar und darstellbar" zu machen. Denn so konsequent Tönnies bei der Entwicklung des Erkenntnisvermögens von einer anthropologischen Konstanten des Geisteswachstums und von einem "absoluten Apriori" des Erkennbaren ausgeht, so wenig ist für ihn damit eine Vorwegnahme der Wirklichkeit verbunden. Das Wachstum des Geistes ebenso wie die Ausdifferenzierung der Natur oder causa betreffen nur den Aufbau des erkennenden Bewusstseins, d.h. die Nachkonstruktion des Prozesses, im Zuge dessen die ursprünglich gehegten Empfindungen umgebildet werden in Erkenntnisvoraussetzungen. Was im erkennenden Bewusstsein entsteht, das sind die reinen Grundbegriffe, die in kategorialem Sinne zu verstehenden Schemata der Erfahrung; das Erkennen der Wirklichkeit selbst ist dagegen ausschließlich Sache der empirischen Forschung. Und nicht umsonst sind daher der "reinen", nur mit der Entwicklung von Grundbegriffen befassten Soziologie eine "angewandte" sowie eine "empirische" Soziologie zugeordnet. [17]

Mit diesen Angaben haben wir die Tönniessche Erkenntnistheorie nunmehr zumindest in ihren Grundzügen bestimmt. Für ein tieferes Eindringen in die sie konstituierende Argumentation, einschließlich des Aufzeigens ungeklärter Probleme, bedarf es indes des Einbezugs weiterer Bereiche des Tönniesschen Denkens. Ich versuche dies zu leisten in Form dreier Erläuterungen.

  • [1] Tönnies 1979: 73
  • [2] Tönnies 1979: XX
  • [3] Tönnies 1979: 73; Hervorh. weggelassen; PUMB
  • [4] Tönnies 1979: XX
  • [5] Tönnies 1979: XXXIV
  • [6] Tönnies 1981: 10
  • [7] Tönnies 1979: 6
  • [8] Tönnies 1979: Zweites Buch
  • [9] Tönnies 1979: XXXIII
  • [10] Tönnies 1979: XVIII; Hervorh. v. mir; PUMB
  • [11] Tönnies 1979: 93; Hervorh. v. mir; PUMB.
  • [12] Tönnies 1979: 6
  • [13] Vgl. Tönnies 1880a: 56; Tönnies 1906: 1; Tönnies 1979: XVIII
  • [14] Tönnies 1979: 6
  • [15] Tönnies 1979: 93
  • [16] Tönnies 1979: XIX
  • [17] Tönnies 1981: 313ff
 
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