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1 Die Grundzüge von Ferdinand Tönnies' Erkenntnistheorie

1.1 Die "Idee des aus seinem Keime werdenden Geistes"

Wie die Welt für uns denkbar, ja wie Erkenntnis überhaupt möglich wird, erschließt sich nach Auffassung von Tönnies allein aus der – wie es in der "Vorrede zur ersten Auflage" von Gemeinschaft und Gesellschaft heißt – "Idee des aus seinem Keime werdenden Geistes". [1] Mit dieser "Idee" verbindet Tönnies einen zweifachen Anspruch: Zum einen soll das von Hume "entdeckte" "psychologische Gesetz" der Übertragung von Wahrnehmungen in gesicherte, irrtumsfreie Vorstellungen des Bewusstseins (ideas) um seine bisher unthematisiert gebliebenen Voraussetzungen ergänzt und dadurch selbst erst begründet werden; zum anderen soll auf diese Weise der Weg der Erkenntnisbegründung, wie er in der von Kant vorgenommenen Rückverlagerung der Erkenntnisvoraussetzungen in die Kategorien des Verstandes bloß angezeigt ist, nunmehr zu Ende geführt werden. Was Tönnies mit seiner Erkenntnistheorie beabsichtigt, ist nach seinem eigenen Bekunden nichts Geringeres als eine "Auslegung des Gedankens, mit welchem Kant die Humesche Darstellung wirklich überwunden hat" – und das heißt: eine

"Auslegung theils im Spinozistischen und Schopenhauerischen Sinne, theils mit den Mitteln der diese Philosopheme erläuternden, wie auch durch dieselben verdeutlichten biologischen Descendenz-Theorie". [2] Gemäß dieser Auslegung, welche unmittelbar dem Duktus der für weite Teile der Philosophie des 19. Jahrhunderts charakteristischen Materialisierung der Erkenntnisvoraussetzungen gehorcht, ist das erkennende Bewusstsein mitsamt den seinen höchsten und objektivsten Ausdruck bildenden allgemeinen Denkbestimmungen prinzipiell zu begreifen als Verkörperung des aus dem Anfangszustand der dumpfen, naturhaften Empfindungstätigkeit hervorwachsenden Geistes. Nicht im Verstand selbst als der synthetischen Einheit der Apperzeption sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis aufgehoben, sondern sie ruhen tiefer, nämlich in dem, was den Geist als solchen überhaupt erst zur Entfaltung seines Vermögens kommen lässt.

Der Prozess der Hervorbildung des Geistes ist gefasst nach dem Vorbild der – allerdings erkenntniskritisch gewendeten – Hobbesschen Wahrnehmungstheorie und der nach Maßgabe der "realen phylogenetischen Psychologie" verstandenen Entwicklung des Intellekts aus dem "Selbsterhaltungstrieb". [3] Realer Grund des Intellekts ist mithin das unvermittelte, naturhafte Streben "zum Dasein selber". [3] Und in diesem Sinne "waltet", in ihrer höchstmöglichen Verkörperung, selbst im Intellekt die Natur. Für die Entwicklung der Geistestätigkeit ist entscheidend, dass einzig vermöge der "Essenz der menschlichen Großhirnrinde" eine "bestimmte Thätigkeit der Coordination gefaßter Eindrücke nothwendig" ist, und einzig vermöge des Wachstums dieser "Essenz", der zunehmenden Klärung und Verdeutlichung "einiger" der anfänglichen Empfindungen, sich die Koordinationstätigkeit weiter ausbildet. [5] Der eigentliche Ausbildungsprozess des Geistes beginnt dabei – ganz im Sinne von Hobbes – auf der Stufe der undifferenzierten Empfindung, führt sodann – in und mit der Ausbildung der Koordinationstätigkeit – zur Wahrnehmung des Beharrens, d.h. zu der Identifikation des sich in den sinnlichen Wahrnehmungen gewohnheitsmäßig Wiederholenden, und endet mit der eigentlichen Erinnerung an Wahrgenommenes, welche vornehmlich mittels sprachlicher und mathematischer Zeichen geschieht. Über Hobbes hinaus gibt Tönnies der Hervorbildung des Geistes allerdings im Endeffekt eine kritische Wendung. Denn indem Wahrgenommenes be-zeichnet wird, wird es zu einem Produkt des Denkens, und mittels Zeichen wird es als solches im Wahrgenommenen aufgewiesen – ein Akt der Selbstreflexion des Geistes. Denken ist bei Tönnies ausdrücklich gleichgesetzt mit zeichenvermittelter Erinnerung [6], woraus zudem ersichtlich wird, weshalb er dem Erfordernis einer klar bestimmten wissenschaftlichen Terminologie stets eine so große Bedeutung beigemessen hat. Das wohl wichtigste Ergebnis seiner diesbezüglichen Bemühungen ist die 1906 erschienene Studie Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Absicht. [7] Mit dem Gedanken, dass alle übrigen geistigen Vorgänge lediglich Umbildungen von Empfindungen sind, übernimmt Tönnies im Übrigen eine Grundansicht der sensualistischen Psychologie, wie sie von Tommaso Campanella – einem Zeitgenossen und Geistesverwandten von Giordano Bruno – formuliert, erst von Hobbes aber systematisch und mit der notwendigen Bestimmungsschärfe ausgearbeitet worden ist. Und gleichzeitig wird auch deutlich, dass die Vernunft bei Tönnies nicht auf eine abstrakte, diskursive, reflexive und an Worte gebundene Erkenntnis beschränkt bleibt, sondern zurückreicht in die unmittelbare, sinnliche Erkenntnis, ja von dieser sich gerade als abkünftig erweist. Selbstverständlich steht auch bei Tönnies der Rationalismus, verstanden als durch das Denken und für das Denken erschlossenes Richtmaß, noch immer als höchste Ausbildungsstufe des Erkenntnisvermögens, doch repräsentiert er nicht mehr gleichzeitig den Inbegriff von Vernünftigkeit.

  • [1] Tönnies 1979: XVI
  • [2] Tönnies 1979: XVII; zweite Hervorh. v. mir; PUMB
  • [3] Tönnies 1882: 244
  • [4] Tönnies 1882: 244
  • [5] Tönnies 1979: XVI; vgl. Tönnies 1979: 74
  • [6] Vgl. Tönnies 1880a: 56; Tönnies 1906: 1; Tönnies 1979: XVIII
  • [7] Tönnies 1906
 
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