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101 Warum sind auch große Erzieher als Eltern gescheitert?

Offenbar gilt auch hier, dass Theorie und Praxis mitunter weit auseinanderklaffen, wobei anzumerken ist, dass viele der großen Erziehungstheoretiker - Sokrates, John Locke, Friedrich Fröbel, Rudolf Steiner, Janusz Korczak - das Wagnis eigener Kinder erst gar nicht eingegangen sind. Damit ist man bekanntlich auf der sicheren Seite. Andere berühmte Pädagogen entledigten sich ihres Nachwuchses bald wieder. Der Sohn von Maria Montessori wuchs bei Pflegeeltern auf, erst als er über vierzig Jahre alt war, bekannte sich Montessori zu ihm. Rousseau gab seine drei Kinder gleich im Säuglingsalter im Findelhaus ab. «Wahrhaft glückliche Stunden» erlebte der Philosoph und Aufklärer nicht im Kreis seiner Lieben, sondern wenn er in einem Boot auf dem Bieler See schaukelte -allein.

Die Autorin selbst will an dieser Stelle bekennen, dass ihr mehr als einmal von einem ihrer Kinder ein Text unter die Nase gehalten wurde mit der Aufforderung: «Lies das mal, das hast du geschrieben. Was steht da? Man soll seine Kinder nicht anschreien. Und was machst du?»

Aber was bedeutet überhaupt «Scheitern» im Zusammenhang mit der Erziehung eines Kindes? Als gescheitert hat sich wohl Johann Heinrich Pestalozzi gesehen, der in einem Brief an seinen sechzehnjährigen Sohn Jacques gesteht, «... ich habe dich auf der Welt nicht so glücklich gemacht, als ich es wohl wünschte, dass du es wärest». Er war ein strenger Vater, ungeduldig und reizbar. Die vierzig verwahrlosten Kinder, derer er sich später annahm, wurden zwar von ihm unterrichtet, mussten aber mit Spinnen, Weben und landwirtschaftlichen Tätigkeiten ihren Unterhalt selbst erwirtschaften und den ihres Lehrers gleich mit. Kinderarbeit würde man das heute nennen. Gescheitert ist wohl auch Anna Wahlgren, Mutter von neun Kindern und Autorin des internationalen Bestsellers «Das Kinderbuch» von 1983. Nicht nur die Schweden, Eltern aus der ganzen Welt vertrauten ihren Ratschlägen («Ich wage, zu behaupten, dass ich die beste Kindererzieherin der Welt bin»). Vor drei Jahren zog eine ihrer erwachsenen Töchter in ihrer Autobiographie eine ganz andere Bilanz. Sie beschreibt das Leben mit der Supermutter als Albtraum.

Ein anderer Schwede zog ebenfalls eine bittere Bilanz, Jan Myrdal. Die familien- und erziehungspolitischen Schriften von Vater Gunnar und Mutter Alva, Friedensnobelpreisträgerin von 1982, zählen zu den Klassikern der modernen Soziologie. Der Sohn erlebte seine Kindheit als trostlos, die Eltern als gleichermaßen abwesend und abweisend. Mit vierzig Jahren brach Myrdal den Kontakt zu seiner Mutter ab.

Die Frage ist: Wird die Leistung dieser Kämpfer für die Rechte und die Bedürfnisse von Kindern dadurch geschmälert, dass sie selbst als Eltern versagt haben? Nein. Ebenso wenig wird die differenzierte, einfühlsame Darstellung eines «Tonio Kröger» dadurch entwertet, dass Thomas Mann seinen sechs Kindern, freundlich formuliert, kaum gerecht wurde und ihnen zeitlebens zutiefst fremd blieb - zwei von ihnen wählten den Freitod. Die Kinderporträts von Picasso bleiben Meisterwerke, obwohl er sich als Vater tyrannisch, rücksichtslos und unberechenbar gebärdete.

So leicht, wie das Scheitern zu beschreiben ist, so schwer ist es, zu bestimmen, wann Erziehung als geglückt angesehen werden kann. Wenn das Kind mit siebzehn Abitur und einen Medizin-Studienplatz in der Tasche hat? Wenn es mit vierzig einen Oscar entgegennimmt und den Eltern unter Tränen dankt? Doch was, wenn der glückliche Abiturient bzw. Preisträger ein paar Jahre später depressiv, arbeitslos und frisch geschieden bei seinen Eltern auf der Couch sitzt?

So traurig wird’s meist nicht enden. Zurück zur anfänglichen und letzten Frage: Wann waren Eltern gut, wann ist eine Erziehung gelungen? Wenn Eltern mit ihren großen Kindern eines nicht so fernen Tages Freundschaft schließen. Und die hält das ganze Leben lang ...

Zum Schluss noch mal Rousseau, der so gern auf dem Bieler See vor sich hin träumte: »Der Wurf mag zuweilen nicht treffen, aber die Absicht verfehlt niemals ihr Ziel.»

 
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