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95 Wie kann ich mein Kind trösten, wenn es Kummer hat?

Kindertränen fließen aus vielen Gründen - und manchmal auch einfach so. Aus der Perspektive des Erwachsenen ist es ein Unterschied, ob Tränen fließen, weil sich ein Kind nicht von seiner Mama trennen kann, oder weil man ihm verbietet, mit Mamas neuem Kleid zu spielen. Aus der Perspektive des Kindes ist das eine so schlimm wie das andere. Differenzieren lernen die meisten Kinder erst am Ende der Grundschulzeit.

Wann und aus welchem Grund auch immer ein Kind weint, es ist in jedem Fall ein Zeichen, dass es unter Stress steht und Zuwendung und Aufmerksamkeit braucht. Tränen haben eine soziale Funktion, sagen Wissenschaftler. Sie sollen Anteilnahme und Mitgefühl wecken. Die Forscher vermuten auch, dass Tränen eine Art körpereigenes «Beruhigungsmittel» enthalten, das über Haut und Augen aufgenommen wird. Gleichzeitig werden mit den Tränen Schadstoffe ausgeschieden, die sich durch Stress und seelische Belastungen im Körper ansammeln. Wer geweint hat, fühlt sich hinterher erleichtert und oft auch ein bisschen müde. Warum manche Menschen dieses «Beruhigungsmittel» öfter brauchen als andere, weiß man dagegen noch nicht. Jungen und Mädchen weinen übrigens gleich oft. Erst in der Pubertät entwickeln Mädchen einen 60 Prozent höheren Spiegel des Hormons Prolaktin als Jungen und weinen deshalb schneller und öfter.

Kinder, die schmerzliche Gefühle weniger nach außen tragen, bezeichnet man gern als «pflegeleicht». Oft hält man sie fälschlicherweise für belastbarer, als sie eigentlich sind, und mutet ihnen mehr zu. Andere Kinder essen nicht, kauen an den Fingernägeln oder schlafen ein. Manche, oft Jungen, neigen dazu, schmerzliche

Gefühle hinter Wut zu verstecken; sie tun anderen Kindern weh oder zerstören mutwillig Dinge. Für Eltern ist es dann besonders schwierig, zu verstehen, dass ihr Kind damit Kummer, Enttäuschungen oder Angst ausdrückt, dass seine Kinderwelt irgendwie aus den Fugen geraten ist, dass es ihm schlecht geht.

Um überhaupt ausdrücken zu können, was mit ihnen los ist, brauchen Kinder einen ausreichend großen Wortschatz. Die meisten verfügen darüber mit fünf, sechs Jahren, einige auch erst später. Manche Kinder sind jedoch so aufgewühlt, dass sie nicht sprechen können. In diesem Fall kann man versuchen, in Worte zu fassen, was sie bedrückt: «Du siehst traurig aus. Ist das, weil sich der große Junge in euer Spiel eingemischt hat?»

Wichtiger als zu reden ist jedoch zu signalisieren . Worte sind ohnehin nur bedingt geeignet, um mit starken Emotionen umzugehen. Sprechen beeinflusst die Kontrollzentren im denkenden Teil des Gehirns, hat aber relativ wenig Auswirkungen auf den Mandelkern, den Teil, der zum emotionalen Lernen und Erinnern befähigt.

Ein Kind zu trösten und innerlich zu stärken, braucht Einfühlungsvermögen, aber auch die Fähigkeit, nah zu sein, ohne sich den Kummer zu eigen zu machen. Am besten hört man erstmal nur zu, ohne Vorwürfe zu machen, Urteile abzugeben, Lösungen anzubieten oder Fragen zu stellen. Wenig geeignet sind auch Bemerkungen wie «vergrab dich nicht» und «denk nicht mehr daran». Ein Kind, das sich schlecht fühlt, braucht genau dieses Gefühl, und wenn es immer wieder von seinem Kummer sprechen muss, dann braucht es eben auch das.

Kommt ein Kind gar nicht mehr aus dem Stimmungstief heraus, muss man professionelle Hilfe suchen. Früher ging man davon aus, dass Kinder eigentlich nicht an Depressionen erkranken können. Heute weiß man, dass ungefähr ein Prozent der Kindergartenkinder, zwei Prozent der Schulkinder und fünf Prozent der Jugendlichen darunter leiden. (Im ersten Lebensjahrzehnt sind überwiegend Jungen betroffen, im zweiten Mädchen.) Wichtig zu wissen: Wie Erwachsene zeigen auch depressive Kinder ganz unterschiedliche Symptome. Sie reichen von Antriebslosigkeit und Aggressivität bis zu Essstörungen und Schlaflosigkeit - und fast alle können nicht mehr weinen.

 
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