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89 Mit dem Kopf in den Wolken –wie hilft man Träumern auf die Erde?

«Die Guten vorn, die Schlechten hinten.» So lautete 1920 die eiserne Sitzordnung in der Schule. In der letzten Reihe träumt der kleine Heinz. Wenn der Lehrer «Aufpassen!» brüllt, reagiert er bockig. Den Eltern empfiehlt man, ihren Sohn in einer Anstalt für geistig Behinderte unterzubringen. Ein paar Jahrzehnte später gründet Heinz von Foerster das weltweit erste interdisziplinäre Zentrum für Kreuz-und Querdenker, das berühmte «Biological Computer Laboratory» der Universität Illinois. «Wirkliche Erkenntnis», sagte der Kybernetiker einmal in einem Interview, «entsteht in der Fantasie, im Gespräch mit sich selbst.»

Das Gespräch mit sich selbst beherrschen Träumer meisterhaft. In ihrer Welt spricht alles, Steine, Wolken und Märchenwesen. Es gibt weder Raum noch Zeit, die Bäume wachsen in den Himmel, und ihre Reisen führen sie zum Mittelpunkt der Erde. In der Realität machen verträumte Kinder Eltern und Lehrern allerdings oft Kopfzerbrechen. Sie sind unaufmerksam, fahrig und vergesslich, schlampig, ungeschickt und oft sehr, sehr langsam. In der Schule kommen sie nur schwer mit, weil sie mit ihren Gedanken woanders sind. Hinzu kommt, dass unter Tagträumern besonders viele Legastheniker sind. Dafür gibt es eine Erklärung: Tagträumer denken überwiegend in Bildern, nicht in Begriffen. Non-verbales Denken ist zwar 400 bis 2000 mal so schnell wie begriffliches Denken, doch sobald man auf ein Wort stößt, das sich nicht bildlich darstellen lässt, bekommt man Probleme. Desorientiert wirken Träumer auch bei alltäglichen Tätigkeiten. Soll das Kind den Tisch decken, marschiert es schon mal mit voll beladenem Tablett ins Bad statt ins Esszimmer.

Dafür haben Träumer ein fantastisches Gedächtnis für alles, was sie interessiert. Und sie verfügen über eine Fähigkeit, die geniale Menschen auszeichnet, Eltern allerdings zur Verzweiflung treibt: Sie können alles, was sie für unwichtig halten, komplett ausblenden. Tatsächlich finden sich unter Träumern oft Hochbegabungen. Albert Einstein entwickelte nach eigenen Angaben die Relativitätstheorie aus seinen Tagträumen als gelangweilter Schüler. Tagträumer können

Fehler im Kopf durchspielen und verschiedene Abläufe von bestimmten Ereignissen ersinnen. Nicht zuletzt trösten und beruhigen Tagträume und helfen über Zorn und Wut hinweg. Wer viel tagträumt, ist meist friedlich. Er muss Rachefantasien nicht ausleben, ihm genügt es, sie sich auszudenken.

Trotzdem brauchen Träumer manchmal Unterstützung, um den Alltag ohne Pannen zu bewältigen und nicht dauernd wegen ihrer Zerstreutheit anzuecken. Schimpfen und Mahnen machen ihnen nämlich besonders zu schaffen. Besser ist, man ordnet wie Mrs. Darling in «Peter Pan» ihre Gedanken und spricht vor dem Einschlafen über das, was sie gerade besonders beschäftigt.

Gut für Träumer:

  • * Alles, was ein Träumer schnell zur Hand haben muss -Schulsachen, Mütze, Hausschlüssel, Fahrkarte -, sollte einen gut sichtbaren Platz haben.
  • * Hetzen vermeiden, darauf reagieren sie meistens völlig kopflos.
  • * Praktische Handgriffe bewusst lernen: «Gläser abtrocknen geht so», «Socken so zusammenrollen».
  • * Ein Musikinstrument spielen: Nichts trainiert besser die Konzentration als Geige- oder Klavierspielen.
  • * Lernen mithilfe einer Melodie. Verträumte Kinder greifen oft ganz von selbst zu dieser Methode und singen sich wichtige Merksätze vor.
 
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