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BESONDERE HERAUSFORDERUNGEN

88 Fühlt sich mein Kind in seinem Körper nicht wohl?

Im Rahmen einer psychologischen Studie an der Universität Michigan ließen Wissenschaftler Schülerinnen und Schüler in Badehose bzw. Badeanzug zu einem einfachen Mathetest antreten. Während sie die Aufgaben lösten, sollten sie einen Schokoriegel essen. Die Ergebnisse waren katastrophal. Die Testpersonen konnten sich nämlich nicht konzentrieren, weil sie ständig daran dachten, wie sie aussahen, und sich Sorgen machten, ob sie von dem Schokoriegel zunehmen würden.

67 Prozent der Neun- bis Sechzehnjährigen vermeiden bestimmte körperliche Aktivitäten, wenn sie mit ihrem Aussehen unzufrieden sind. Dabei sagt die Statistik, dass ein Grundschulkind ohnehin täglich neun Stunden liegt, neun Stunden sitzt (unter anderem vor Computer und Fernseher), fünf Stunden steht und sich gerade mal eine Stunde bewegt, davon 15 bis 30 Minuten intensiv. Kein Wunder, dass die Zahl der Kinder mit Übergewicht, Haltungsschäden und chronischen Rückenschmerzen Jahr für Jahr steigt.

Sich im eigenen Körper wohlzufühlen ist eine wichtige Voraussetzung, um lernen zu können - unter anderem auch konstruktives Sozialverhalten. Ein positives Körpergefühl kann Aggressionen und Diskriminierungen oft wirksamer verhindern als wortreiche Erklärungen, wie man Konflikte angemessen löst. Umgekehrt heißt das: Jugendliche mit einem negativen Körpergefühl fahren buchstäblich schneller aus der Haut als solche mit einem guten. Da das nicht unbedingt zu einem freundlichen Miteinander beiträgt, wird es für die Betroffenen immer schwieriger, ein positives Selbstbild aufzubauen. Um das zu kompensieren, greifen viele

Heranwachsende zu Zigaretten, Alkohol und Drogen oder gehen unreflektierte und ungeschützte sexuelle Beziehungen ein. «Ein sicheres Körpergefühl ist die Grundlage jeder Sexualerziehung» -davon ist Petra Milhoffer, Professorin für Grundschulpädagogik, überzeugt. Dafür sind in erster Linie die Eltern zuständig. Kuscheln, Umarmungen, freundliche Blicke und liebevolle Gesten tragen wesentlich zur Entwicklung eines positiven Körpergefühls bei und spielen sogar eine größere Rolle als sportliche Aktivitäten. Kinder, die sich ihren Eltern nicht nah fühlen, berichten dreimal häufiger von diffusen Bauch-, Kopf- oder Rückenschmerzen.

Um die Entwicklung eines positiven Körpergefühls zu unterstützen, sollten vor allem Väter von Töchtern sensibel mit dem Thema Aussehen umgehen. Selbst harmlose und vielleicht sogar lieb gemeinte Bemerkungen wie «wie geht’s meinem Pummelchen?» können Selbstwahrnehmung und Selbstbild äußerst negativ beeinflussen. Der Vater ist der erste Mann im Leben eines Mädchens, der ihr Aufmerksamkeit schenkt. Diese sollte, was das Aussehen angeht, grundsätzlich freundlich und zustimmend ausfallen. Falls es wirklich einen kritischen Punkt gibt, ist das Thema in aller Regel besser bei der Mutter aufgehoben. Umgekehrt kann es eine gute Idee sein, wenn nicht die Mutter, sondern der Vater mit seinem Sohn vermeintliche körperliche «Minus»-Punkte erörtert. Auch Söhne brauchen die uneingeschränkte Bejahung in Sachen Aussehen vom gegengeschlechtlichen Elternteil, wenn auch vielleicht nicht ganz so dringend wie Töchter.

Wichtig ist, dass beide Eltern ihrerseits ein positives Körperbild haben, sich gern bewegen und gesund ernähren. Wer ständig an sich herummäkelt und eine Diät nach der anderen macht, ist in Sachen Körperbild kein besonders gutes Vorbild. Gemeinsames Kochen ist übrigens ein echtes Zaubermittel, um der ganzen Familie einen guten und bewussten Umgang mit dem eigenen Körper zu vermitteln. Außerdem ist Kochen kreativ, fördert den Zusammenhalt und macht Spaß. Diese Art von «Wellness» ist in jedem Fall wirkungsvoller als Schokomassagen für gestresste Kinder, wie sie durchgedrehte Hotelmanager anbieten.

 
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