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87 Warum sollte sich nicht alles um die Schule drehen?

Über eine Milliarde Euro investieren deutsche Eltern alljährlich in Nachhilfe. Das Merkwürdige daran: Mehr als ein Drittel der Nachhilfeschüler hat sowieso schon gute bis befriedigende Noten. Das geht aus einer vom Wissenschaftsministerium veranlassten Studie zur

Situation des Nachhilfewesens hervor. Wirtschaftsexperten meinen, dass die Mittelschicht auch bei der Verbesserung der schulischen Leistungen ihrer Sprösslinge ums Überleben kämpft. Vielleicht. In jedem Fall steht fest, dass neben Hypotheken und Krediten die Schule das Thema ist, das viele dieser Eltern am meisten beschäftigt.

Dagegen wäre wenig zu sagen, wenn es sich nicht überwiegend um unangenehme Dinge handeln würde. Dazu zählen neben schlechten Noten auch verlorene Füller, schlampige Heftführung und die allmorgendliche Clownperformance, in die manche Kinder ihre überschüssige Energie investieren.

Neun von zehn Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern hängen direkt oder indirekt mit Schule und Hausaufgaben zusammen. Eltern bekommen Migräne, wenn sie an das nächste Zeugnis, Kinder Bauchweh, wenn sie an den nächsten Schultag denken. Hier hilft nur eins: sich nicht zum verlängerten Arm der Schule oder der Wirtschaft machen lassen. Elternaufgabe ist, dafür zu sorgen, dass «Kinder Freude am Leben haben», sagt der polnischen Kinderarzt Janusz Korczak. Dazu gehört, sein Kind zu unterstützen, die Freude am Lernen wieder zu entdecken. Die meisten Kinder lernen sehr gern, wenn sie das selbstbestimmt tun dürfen.

Egal, ob ein Kind Muscheln sortiert, Mangas zeichnet oder Monsterfiguren in Stellung bringt - diese Beschäftigungen darf man nach Kräften und um ihrer selbst willen fördern. Ebenso das Lesen. Leidenschaft für eine Sache, Lesen und Schulerfolg gehen in aller Regel Hand in Hand, zumindest langfristig gesehen. Wenn Kinder für eine Sache brennen, stehen die Chancen gut, dass der Funke überspringt und sie sich irgendwann auch für schulische Inhalte engagieren.

In jedem Kinderleben muss täglich drei bis vier Stunden Zeit für Spiele und Hobbys sein, für Teenager wenigstens zwei. Eltern, denen sich bei dieser Vorstellung die Haare sträuben, nehmen sich vielleicht 15 Minuten Zeit und schauen sich auf Youtube «steve jobs Stanford commencement speech 2005» an. Darin spricht der unlängst verstorbene Steve Jobs vor Studienanfängern der Stanford University über drei Lern-Geschichten. Eine handelt davon, dass er, nachdem er das College geschmissen hatte, einen Kurs in Kalligraphie besuchte, einfach weil er Spaß dran hatte. Aus dieser vollkommen zweckfreien Beschäftigung entwickelte er zehn Jahre später die für den Apple Computer charakteristische Typographie.

Für mehr tägliche Freizeit muss man eventuell schulische Aufgaben auf sechs statt auf fünf Schultage verteilen. (Ein Tag in der Woche sollte wirklich schulfrei sein.) Manches kann man auch in die Ferien packen. Ausgeschlafen und erholt tun sich Kinder mit Verstehen, Üben und Wiederholen leichter. Im Übrigen kann sich kein Kind, das bereits sechs und mehr Stunden in Schule und Hort hinter sich gebracht hat, noch konzentrieren.

Macht man sich wegen Noten und Leistungen große Sorgen, wendet man sich bei Grundschulkindern an den Klassenlehrer oder eine Schulberatung, nicht an sein Kind. Kinder wollen mit Hoffnung und Zuversicht in die Schule gehen, nicht zweifelnd und sorgenvoll.

Ein Schulwechsel wegen schlechter Leistungen kann bei weiterführenden Schulen durchaus sinnvoll sein, vielleicht hat man ja tatsächlich den falschen Schultyp gewählt. Unter den Grundschulen hingegen gibt es selten große Unterschiede, keine Eliteschule und keine wirklich schlechte. Ob man für eine gerade angesagte Privatschule seinem Kind einen weiten Schulweg und sich selbst finanzielle Mehrbelastungen zumuten soll, will jedenfalls gut überlegt sein.

 
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