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82 Was sagen Intelligenztests aus?

Bis heute sind sich die Forscher nicht einig, was Intelligenz wirklich ausmacht. Nur das steht fest: Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulerfolg, dafür eine ganze Reihe von hochintelligenten, äußerst erfolgreichen Menschen, die nur sehr mäßige Leistungen in der Schule erbrachten oder diese sogar abgebrochen haben. Darunter sind Thomas Edison, Winston Churchill, Isaac Newton und Leo Tolstoi. Die Schule darf man bei diesem Thema also getrost beiseite lassen.

Intelligenztests im Kindesalter sind überflüssig. Mit den gängigen Tests lässt sich in erster Linie messen, ob man gut logische Schlüsse ziehen und sich geistig auf neue Situationen einstellen kann. Das Potential, das Kinder mitbringen, ist das eine. Das andere und Entscheidende ist das Umfeld - Familie, Wohnumgebung, Schule, Freunde. Von ihnen hängt ab, ob und was ein Kind aus seinem Potential macht.

Fest steht: Es gibt keinen Bildungsinhalt, der für bestimmte Kinder nicht geeignet ist, weil sie nicht die entsprechenden kognitiven Ressourcen besitzen. Der große Philosoph und Pädagoge Comenius hatte den Anspruch, «alle alles zu lehren». Entscheidend ist, die Gegenstände so aufzubereiten, dass sie für jedes Kind eine Bedeutung bekommen, und jedes Kind dabei zu unterstützen, sich diese Gegenstände zu erarbeiten. Dafür schaut man sich am besten an, womit sich Kinder beschäftigen: Lara, 5, und Tobias, 6, rühren einen Zauberbrei aus Erde, Zuckerwatte und Seifenresten. Marceline, 10, verarztet ihr Knie. Sie hat ein neues Kunststück auf ihren Inlineskates ausprobiert. Das ist schiefgegangen, aber gleich wird sie zum nächsten Versuch ansetzen. Tami, 3, baut einen Turm aus alten Joghurtbechern und wirft ihn immer wieder um, Jonathan, 12, imitiert Oliver Pocher, wie er Boris Becker imitiert, und Charlotte, 8, möchte nicht gestört werden. Sie trainiert gerade ihren Hund. Ganz normale Kinderbeschäftigungen? Wissenschaftler sehen darin auch etwas anderes. Was Kinder intensiv tun, ist der Schlüssel zu der Art und Weise, wie sie ihre Intelligenz einsetzen. Der amerikanische Intelligenzforscher Howard Gardner hat sieben Formen der Wissenserfassung definiert. In aller Regel zeigen sich bei jedem Kind zwei, drei oder mehr. Diese sind miteinander verbunden, funktionieren aber auch unabhängig voneinander. Vor allem jedoch sind sie nicht unveränderlich festgelegt, sondern können wie Muskeln im Lauf eines Lebens zunehmen (und abnehmen), wenn sie entsprechend ernährt und trainiert werden.

Visuell-räumliche Intelligenz: Dazu gehört eine ausgeprägte Beobachtungsgabe. Kinder können detailliert von Ereignissen erzählen und in Bildern denken. Sie bauen und basteln gern und realisieren Gedankenbilder mit unterschiedlichen Materialien.

Sprachliche Intelligenz: Diese Kinder sprechen früh und viel, experimentieren mit Sprache, erfinden und verfremden Worte, reimen und sammeln neue Worte und ausgefallene Formulierungen. Sie haben ein gutes Gedächtnis und können ganze Passagen von Kinderbüchern auswendig.

Musische Intelligenz: Diese Kinder singen und tanzen gern, erkennen Melodien nach einmaligem Hören wieder, haben ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, machen mit Fantasieinstrumenten Musik.

Kinästhetische Intelligenz: Diese Kinder bewegen sich gewandt und drücken Gefühle und Gedanken über Bewegung aus. Sie sind handwerklich geschickt, basteln und reparieren gern.

Logisch-mathematische Intelligenz: Diese Kinder gehen sicher mit Mengen und Zahlen um und können abstrakt und logisch denken und Probleme analysieren.

Soziale Intelligenz: Diese Kinder sind kontaktfreudig, kommunikativ, teamfähig und gute Beobachter. Sie können die Dinge aus der Perspektive des anderen sehen, ohne den eigenen Standpunkt zu verlieren.

Intrapersonale Intelligenz: Diese Kinder haben ein gutes Gespür dafür, was ihnen wichtig ist und wie sie sich fühlen. Sie beschäftigen sich gern allein, sind selbstdiszipliniert und zielorientiert.

Alle diese Facetten der Intelligenz muss man nicht testen und nicht messen. Nur wenn ernste Anhaltspunkte zum Beispiel auf eine massive Entwicklungsverzögerung hindeuten, können differenzierte Intelligenztests eventuell helfen, das Kind besser zu verstehen.

 
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