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LERNEN, FÖRDERN, SCHULE

79 Wie, wo und wann lernen Kinder eigentlich?

Kinder werden bereits mit einem erstaunlichen Wissen geboren und sind schon in den ersten Lebenswochen zu verblüffenden Leistungen fähig. Sie denken, beobachten, experimentieren und können Schlüsse ziehen. Mit drei Monaten sind sie in der Lage, mögliche von unmöglichen physikalischen Ereignissen zu unterscheiden, mit sechs Monaten können sie Kategorien bilden, wissen also, dass ein Hund kein Möbelstück ist, und spätestens mit zwölf Monaten können sie die Wirkungen ihrer Handlungen bereits gedanklich vorwegnehmen.

Doch was macht man mit diesen Erkenntnissen? Heißt das, Kinder sollten am besten schon mit drei Lesen, Rechnen und Fremdsprachen lernen? Ja, meinen die einen unter Verweis auf die sogenannten Zeitfenster, jenseits derer Förderung angeblich nur noch ins Leere zielt. Nein, sagen seriöse Hirnforscher. Viele Erkenntnisse der Neurowissenschaften wurden verkürzt oder falsch verstanden.

Natürlich gibt es Zeitfenster, aber von ganz wenigen kennt man genau Anfang und Ende. Vom räumlichen Sehen weiß man, dass es massiv gefährdet ist, wenn es sich nicht bis zum fünften Lebensjahr entwickelt hat. Doch nicht einmal dieses Zeitfenster ist dann wasserdicht geschlossen, sondern die Fähigkeit kann - mit großem Aufwand - auch noch mit acht oder neun Jahren trainiert werden.

Auch das Fenster für den akzentfreien Fremdsprachenerwerb ist noch nicht klar. Nur wenn jemand mit dreizehn Jahren überhaupt noch nicht mit einer anderen Sprache in Berührung gekommen ist, wird er ein Leben lang Probleme damit haben. Das trifft allerdings auf die wenigsten Kinder zu.

Wie wenig sinnvoll auch das frühe Rechnen lernen ist, beschreiben die Psychologinnen Kathy Hirsh-Pasek und Roberta Michnick Golinkoff in ihrem Buch »Einstein Never Used Flashcards». Erst mit vier bis fünf können Kinder richtig zählen und Zahlen zuordnen. In diesem Alter fangen sie auch an weiterzuzählen. Voraussetzung dafür ist ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit und Selbstbeherrschung, Eigenschaften, die von den Stirnlappen kontrolliert werden, einer Hirnregion, die im Vergleich mit dem gesamten Gehirn am langsamsten heranreift.

Eine Studie des amerikanischen National Bureau of Economic Research hat untersucht, ob der Besuch eines Kindergartens, wo Drei-und Vierjährige bereits lesen üben, sich auf die Schullaufbahn günstig auswirkt. Sie kam zu dem Ergebnis: Bis zum Ende des ersten Grundschuljahrs büßen Kinder ihren Leistungsvorsprung wieder ein. Mit einer Ausnahme: Kinder aus bildungsfernen Schichten. Sie schneiden auch später noch besser ab als benachteiligte Kinder ohne Frühförderung.

Dennoch geraten immer mehr Eltern unter Druck und fürchten, dass ihr Kind auf der Strecke bleibt, wenn sie es nicht von klein auf gezielt fördern. Diese Sorge ist unberechtigt. Alle Kinder lernen mit Leidenschaft und am liebsten und besten selbstbestimmt, spielerisch und mit allen Sinnen. Und wo? In der Natur, einer hochkomplexen Umgebung, die dem Gehirn alles bietet, was es braucht, finden Kinder auf jeder Ebene die schönsten Anregungen: die kleinen Steine und Matsch und die größeren Pflanzen und Tiere.

 
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