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78 Muss man alles hundertmal sagen?

Ja. Mindestens. Meistens geht es nur um Banalitäten. Kind 1 soll «endlich» die Spülmaschine einräumen, Kind 2 «sofort!» den Computer ausmachen, Kind 3 «bitte!» Geige üben und Kind 4 «freundlicherweise» eine Serviette benutzen. All diese Dinge muss man sehr, sehr oft sagen.

Es gibt Erziehungstheoretiker, die überzeugt sind, dass es genügen müsste, einem Kind einmal, vielleicht dreimal zu sagen, dass man sich vor dem Schlafengehen die Zähne putzen muss und Klimmzüge am Waschbecken verboten sind. Vorausgesetzt, man erklärt es richtig. Das ist nicht ganz falsch. Andererseits stimmt auch das: «Wenn man etwas einmal sagt und es funktioniert, nennt man das Drill. Wenn man etwas hundertmal sagt, nennt man das Erziehung.»

So lästig die vielen Erklärungen, Erinnerungen und Ermahnungen sind, ohne kommen Kinder nicht durchs Leben. Die Schwierigkeit für

Eltern liegt darin, sich nicht in Rage zu reden. Das gelingt nicht immer. An manchen Tagen können Eltern ausgesprochen uncharmant werden, «bloß» wegen einer verlorenen Mütze. Dass es bereits die zweite innerhalb von sechs Wochen war, an solche «Kleinigkeiten» denken Kinder nicht. Und zwar nicht, weil sie dumm und verzogen sind, sondern, weil es ihnen noch an Wissen, Erfahrung und Umsicht fehlt, um bestimmte Situationen überblicken und beurteilen zu können.

Mit fünf, sechs Jahren kann ein Kind einen Zusammenhang zwischen Mütze und kalten Ohren herstellen, mit acht oder neun vielleicht einen zwischen Mütze, kalten Ohren und Schnupfen und mit zwölf hoffentlich einen zwischen Mütze, kalten Ohren, Erkältung und dem Einkommen der Eltern. Man sieht, es braucht Zeit, bis allein die Sache mit der Mütze klappt.

Trotzdem dürfen Eltern nicht im Sumpf trübsinniger Ermahnungen und entnervter Nörgelei versinken. Kindern spüren sehr genau den «Willenskern» eines Wortes, und es macht einen großen Unterschied, ob in Aufforderungen und Ermahnungen Resignation und Pessimismus mitschwingen oder aber Humor und Zuversicht. Außerdem belastet eine ständig gereizte Atmosphäre die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern weit mehr als echte Meinungsverschiedenheiten. Apropos Meinungsverschiedenheiten: Kinder sind selten zu mehr Rücksicht, Höflichkeit, Aufmerksamkeit und Zusammenarbeit bereit als ihre Eltern. Wer sein Kind anschreit, weil ihm versehentlich ein Glas runtergefallen ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn es allenfalls widerwillig und nur nach dreimaliger Aufforderung den Tisch deckt.

Die wichtigste Voraussetzung, um gute Gewohnheiten zu bilden, ist eine rhythmische Lebensgestaltung, zu der die jahrelange (!) Pflege alltäglicher Regeln und Rituale gehört. Damit ist vor allem das öde Einerlei von Aufräumen bis Zähneputzen gemeint. Am besten geht man ein Bündnis mit seinem Kind ein und sorgt dafür, dass es nicht den Zaungast spielt. Solange Kinder beispielsweise erleben, dass Jeans, Pullis und T-Shirts wie von Zauberhand im Wäschekorb landen und später frisch gewaschen und gebügelt im Schrank liegen, werden sie nicht verstehen, was falsch daran sein soll, sie überall herumliegen zu lassen.

Vermeiden sollte man auch das Wort Lust. «Ich habe keine Lust, dir alles hinterherzutragen», ist natürlich nur eine Floskel, aber Kinder bekommen dadurch den Eindruck, es komme in erster Linie darauf an, ob man zu etwas Lust hat oder nicht. Die meisten Dinge müssen schlicht erledigt werden, ganz gleich, ob man Lust hat oder nicht.

Kommen Kinder ohne Druck gar nicht mehr in die Gänge oder missachten sie Anweisungen ständig und aus Prinzip, muss man herausfinden, woran das liegt. Manchmal suchen sie einen Schauplatz für Machtkämpfe, manchmal haben sich aber auch Warnungen und Ermahnungen zu oft als nutzlos, unpraktisch oder unangebracht erwiesen. Menschliches Verhalten ist erfolgsorientiert. Erst wenn Kinder den Wert eines Zieles erkennen, gelingt es ihnen auch, eigenständig und ohne Aufforderung sinnvoll zu handeln.

 
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