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72 Terrible Two – warum sind Zweijährige so anstrengend?

Mit etwa zwei wird aus dem Wonneproppen mit dickem Windelpaket eine kleine Persönlichkeit mit starkem Willen, unbändiger Neugier und Bewegungsfreude. Kinder entwickeln jetzt in rasantem Tempo eine Reihe von Fähigkeiten und sind eifrig bemüht, sich immer neue anzueignen. Der Psychologe Erik Erikson spricht nicht zufällig vom Werksinn dieser Altersstufe. Jetzt geht es richtig los mit dem Forschen und Ausprobieren. Begeistert betätigen sich die Kleinen im Haushalt; Helfen gehört zu ihrer Lieblingsbeschäftigung.

Die kleinen Heimwerker unfallfrei durch Alltag und Hausarbeit zu lotsen, ohne ihre Begeisterung zu dämpfen, ist anstrengend. Beim Boden wischen wird schon mal die halbe Wohnung unter Wasser gesetzt. Schnell mal zum Supermarkt funktioniert auch nicht. Jeder Stein wird auf dem Weg dahin umgedreht, Stöckchen und Blätter werden gesammelt.

Anstrengend ist auch, dass die Kleinen noch nicht warten können. Noch muss alles «pronto!» passieren, noch sind Minuten eine Ewigkeit. Trotzdem gehört warten können zu den Fähigkeiten, die Kinder brauchen, um außerhalb der Familie, im Kindergarten und auf dem Spielplatz zurechtzukommen. Das Zeitgefühl kann man durchaus ein bisschen trainieren: «Ich bereite jetzt den Salat vor, wenn ich fertig bin, kannst du die Soße anrühren.» «Papa telefoniert zehn Minuten, dann gehen wir zusammen auf den Spielplatz.»

Der Spielplatz! Der Kontakt mit anderen Kindern geht mit vielen, teils temperamentvoll geführten Auseinandersetzungen einher. Auch das kann an den Nerven zerren, vielleicht etwas weniger, wenn man sich bewusst macht, dass die Kleinen dabei soziale Verhaltensweisen wie Rücksicht, Selbstbeherrschung und Kompromissfähigkeit erlernen, aber auch Durchsetzungsvermögen und Selbstbewusstsein. Das ist wichtig, denn zwischen zwei und drei beginnt für die meisten die Kindergartenzeit.

Egal, womit sich Kinder jetzt beschäftigen, immer zeigt sich dabei, dass sie kleine Persönlichkeiten sind mit eigenem Willen, ausgeprägten Vorlieben und Abneigungen. Energisch bestehen sie darauf, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und auf ihre Weise zu tun. Nicht zufällig sprechen Kinder mit etwa zwei Jahren von sich nicht mehr in der dritten Person. Sie haben ihr Ich und mit diesem kleinen Wort auch ihre Identität entdeckt und damit eine wichtige emotionale und geistige Reifestufe erreicht.

Zwischen zwei und drei kündigt sich auch das Ende der Windelzeit an. Die meisten Kinder werden jetzt tagsüber sauber, vorausgesetzt, man mischt sich nicht ein. Das ist auch überflüssig. Mit Potty-Training werden Kinder auch nicht schneller «sauber». Oft hat es nur zur Folge, dass sie sich sehr energisch verweigern.

Das Nein spielt jetzt ohnehin eine große Rolle. Mit einem Nein grenzen die Kinder ihr eigenes Revier ab. Oft ist das Nein aber eigentlich ein Ja zu sich selbst. Übersetzt heißt es: «Ich kann das allein», «Ich will jetzt noch spielen» oder auch: «Ich kann eine andere Position als Mama und Papa einnehmen - das mag ich» und «wenn ich sage, was ich will, dann bin ich groß».

Für Außenstehende führen sich Kind und Eltern manchmal auf wie Pat und Patachon. Als wäre es ansteckend, bekommen Eltern bei solchen Gelegenheiten entweder ebenfalls einen Wutanfall oder brechen in schallendes Gelächter aus. Nein, dann hat man nicht den Verstand verloren, man ist nur einfach noch sehr eng mit seinem Kind verbunden. Da kann man schon mal dessen Wutanfälle und Hochgefühle so erleben, als seien es die eigenen.

Ebenso anstrengend wie das ständige Nein sind auch die vielen Warum-Fragen. Auf der einen Seite eignen sich die Kleinen darüber eine Menge Wissen an, gleichzeitig hinterfragen sie aber auch Autoritäten. Was sie bei fast jeder Warum-Frage eigentlich wissen wollen, ist: «Warum haben meine Eltern Macht über mich, wenn ich doch groß und selbständig sein will?»

Für ihre Autonomiebestrebungen brauchen Kinder viel Freiheit und Ermutigung - und die Sicherheit, jederzeit Schutz, Trost und Unterstützung zu finden.

So anstrengend diese Phase für Eltern ist, so bedeutsam ist für

Kinder die Entdeckung und Durchsetzung des eigenen Willens im Hinblick auf die Entwicklung eines emotional stabilen Selbst. Am besten beteiligt man sein Kind an möglichst vielen einfachen, altersgerechten Entscheidungen («Käse oder Wurst?» «Blaue oder grüne Söckchen?»). Das gibt ihnen das Gefühl von Stärke, Kontrolle und Unabhängigkeit.

 
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