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58 Warum sollte man Kindern ihre Geheimnisse lassen?

Gute Eltern wissen angeblich immer, was ihr Kind gerade macht, was es fühlt und denkt. «Mein Kind hat kein Geheimnis vor mir. Es vertraut mir. Also gibt es keinen Grund, etwas Verbotenes zu tun und daraus ein Geheimnis machen zu müssen.» Aber Kinder brauchen Geheimnisse. Geheimnisse machen das Leben bunt und lebendig. Geheime Orte, geheime Wege, versteckte Schätze, geheime Zeichen, geheime Schriften, geheime Geschichten, geheime Botschaften, Spiele, Freundschaften - die Kinderwelt ist voller Geheimnisse. Ein Geheimnis mit jemand anderem zu teilen, anvertraut zu bekommen, nicht zu verraten - all das gehört zum glühenden Kern einer

Kinderfreundschaft. Geheimnisse schenken das Gefühl von Freiheit, Mut und Stärke, selbst wenn, nein, weil damit Grenzen und Verbote überschritten werden. Geheimnisse ermöglichen Kindern, den Dingen selbständig auf den Grund zu gehen, selbstverantwortlich zu handeln, ihre Fähigkeiten einzuschätzen und dabei viel über sich und die Welt zu erfahren.

Nicht zufällig handeln viele Märchen davon, dass Held oder Heldin eigenmächtig eine verschlossene, geheimnisvolle Kammer oder Truhe öffnet oder in einem verbotenen Buch liest. Diese Überschreitung, auch Übergangsritual («rite de passage») genannt, bedeutet, dass der Held erwachsen wird.

Die Vorstellungen von Geheimnissen bilden sich erst mit vier, fünf Jahren allmählich aus. Erst im Grundschulalter wird dann die Geheimhaltung von bestimmten Unternehmungen oder Plänen konsequent praktiziert. Das ist ein Beleg dafür, dass Geheimnisse eine große Bedeutung für die Suche nach der eigenen Identität haben. Mit sieben, acht Jahren entwickeln Kinder ein gesteigertes Bedürfnis nach Abgrenzung, sie wollen die Räume ihrer Privatheit ausweiten. Geheimnisse übernehmen jetzt eine Art Schutzfunktion und begrenzen den umfassenden Zugriff der Eltern. Das ist vor allem auch für Heranwachsende wichtig. Man ist gut beraten, ihre Privatsphäre zu respektieren, egal, ob sie sich in einer Schublade, in einem Tagebuch oder auf Handy oder Facebook abspielt. «Nachforschungen» sind nur zulässig, wenn ein konkreter Verdacht besteht, dass Gefahr im Verzug ist.

Geheimnisse haben selbstverständlich auch eine andere Seite, über die man sprechen muss. Kinder müssen wissen:

 
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