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49 Lesemuffel und Mathe-Nieten – was ist dran an Pauschalurteilen?

Jungen können nicht lesen, Mädchen nicht rechnen. Das stimmt, überspitzt gesagt. Die PISA-Studie hat in den Bereichen Lesen und Mathematik erhebliche Unterschiede zwischen den Leistungen von Mädchen und Jungen festgestellt. So ist bei Mädchen nicht nur das Textverständnis besser, sie können auch besser argumentieren und Inhalte kritischer bewerten. Dafür bleiben sie in Mathematik und Naturwissenschaften hinter ihren Möglichkeiten. Dort nimmt die Überlegenheit der Jungen im Verlauf der Jahre weiter zu, und ihre «schriftlichen» Defizite holen sie auf. Auch bei der Art zu lernen gibt es Unterschiede. Jungen setzen mehr Tiefenstrategien ein, Mädchen Wiederholungs- und Kontrollstrategien. Forscher werten das als Zeichen für mangelndes Selbstvertrauen.

Jungen bekommen in der Schule mehr Aufmerksamkeit, Mädchen sind überangepasst. Stimmt. Unter anderem, weil Jungen oft stören, Mädchen sich dagegen durch ein teilweise überangepasstes Arbeitsund Sozialverhalten auszeichnen. Trotzdem werden gute Leistungen von Jungen eher gewürdigt als gleichgute von Mädchen. Beim (schlechten) Betragen ist es umgekehrt. Insgesamt nimmt das Selbstvertrauen von Mädchen im Verlauf der Schulzeit stärker ab als das von Jungen.

Mädchen sind ehrgeizig, Jungen, besonders die begabten, faul. Das liegt am «Bartleby-Syndrom». Mit diesem Begriff beschreiben Psychologen der Universität Oxford extreme Faulheit und Vermeidungstaktiken von begabten Jungen. Ansonsten sind die Betroffenen unauffällig, und es scheint keinen Grund zu geben, warum sie unter ihren Möglichkeiten bleiben. Die Wissenschaftler haben beobachtet, dass begabte Jungen ein starkes Bedürfnis haben, eigene Entscheidungen zu treffen, und empfindlich auf Autorität reagieren. Unbewusst wollen sie sich auch von Mädchen abgrenzen, die als ehrgeiziger und leistungsorientierter gelten als Jungen. Wichtig für Jungen mit Bartleby-Syndrom sind Mentoren, die sie dabei unterstützen, ihr Potential zu entfalten und sich dabei trotzdem männlich zu fühlen. Frauen ist hier unter Umständen der Vorzug zu geben, da sich begabte Jungen der Mutter oft näher fühlen als dem Vater. (Ernest Hemingway und Pablo Picasso, beide vom Bartleby-Syndrom betroffen, hatten die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein als Mentorin.)

Die spezifische Faulheit von Jungen rührt auch daher, dass Jungen die Schulzeit als Mittel zum Zweck betrachten und gerade so viel wie nötig lernen, um einen Abschluss zu bekommen. Mädchen dagegen beschäftigt alles, was in der Schule abläuft, manchmal so sehr, dass sie kaum zu inhaltlichen Aufgaben durchdringen. Mädchen brauchen daher eine Lernumgebung, in der sie sich sozial und emotional aufgehoben fühlen.

Jungen brauchen mehr Zuwendung, Mädchen mehr Bewegung. Stimmt. Bei Jungen, so Untersuchungen von Wissenschaftlern der Harvard Universität, leidet die intellektuelle Entwicklung besonders stark unter mangelnder Zuwendung. Eltern sollten keine Angst haben, Söhne durch «zu viel» Zuwendung zu verwöhnen, und ihnen ihre Liebe genauso offen und zärtlich zeigen wie Töchtern.

Die intellektuelle Entwicklung von Mädchen wird dagegen durch zu viel Aufmerksamkeit in Form von elterlicher Kontrolle beeinträchtigt. Eltern kommen hier oft zu schnell zu Hilfe. Mädchen sollten viel selbst ausprobieren und Fehler machen dürfen. Und sportlich aktiv sein: Sportliche Mädchen haben bessere Noten und brechen seltener die Schule ab. Da sich ein Großteil der Mädchen bereits mit zwölf vom Sport verabschiedet, sollte man rechtzeitig eine geeignete Sportart und einen Verein suchen, in dem sich Mädchen wohlfühlen und in pubertären Durststrecken gegenseitig mitziehen.

 
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