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UMGANG MIT ANDEREN KINDERN

37 Wann und wie lernen Kinder, respektvoll miteinander umzugehen?

Aus der Entwicklungspsychologie weiß man, dass es zwei Arten von Empathie gibt: eine emotionale Reaktion auf andere, die sich in den ersten sechs Lebensjahren entwickelt, und eine kooperative Reaktion, die festlegt, bis zu welchem Grad ein Kind den Standpunkt oder die Perspektive von jemand anderem einnehmen kann. Die meisten Kinder sind dazu mit vier, fünf Jahren in der Lage. In diesem Alter beginnen sie zu verstehen, dass es unfair ist, jemanden beispielsweise wegen seines Aussehens zu hänseln. «Weil er ja nichts dafür kann».

Auch wenn Kinder in ihrer Empathiefähigkeit unterschiedlich veranlagt sind, können alle den einfühlsamen und respektvollen Umgang mit anderen lernen - von ihren Eltern. Wenn ein Kind nicht spürt, dass für seine Eltern Respekt gegenüber anderen Menschen selbstverständlich ist, können diese hundertmal mahnen, dass man nicht «Fettsack» sagen darf, es wird das trotzdem immer wieder tun.

Für den respektvollen, freundlichen, toleranten sprachlichen Umgang gibt es ein paar einfache Regeln:

Keine Verallgemeinerungen. «Die» Moslems, «die» Juden, «die» Polen gibt es ebenso wenig wie «die» Homosexuellen, «die» Behinderten oder «die» Männer. Man sollte sich auch nicht anmaßen, über «die» Bescheid zu wissen, nur weil man eine schlechte Erfahrung gemacht hat. Natürlich darf man sich kritisch äußern. Toleranz heißt nicht, dass man schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit und Grenzverletzungen akzeptieren muss. Aber die Kritik sollte respektvoll und differenziert ausfallen.

Keine abfälligen Bezeichnungen. «Paki» ist nicht lustig. Auch nicht, wenn Stand-up Comedians behaupten, das laufe unter Satire. Ebenso die Bezeichnungen «Homo», «Spasti» und «Jude», die man leider immer öfter hört. Man kann anders darüber denken, aber die eben genannten Ausdrücke haben eine andere Qualität als «blöde Kuh» oder «Idiot».

Keine Betonung von religiösen, ethnischen und nationalen Unterschieden. Wenn ein Kind mit einem neuen Freund auftaucht, ist es erst mal völlig unwichtig, ob er Moslem ist oder einen deutschen Pass besitzt. Das wird das Kind schon früh genug herausfinden, und wenn es glaubt, dass es wichtig ist, wird es das mitteilen.

Weniger Oberflächlichkeit Um einen Menschen und sein Verhalten zu beschreiben, muss man keine äußeren Merlanale heranziehen. Bemerkungen wie «bei dieser Figur ist es ein Wunder, dass sie überhaupt die Treppe raufkommt», saugen Kinder auf wie ein Schwamm, und am Ende kommt «Fettsack» heraus.

Phasenweise «experimentiert» fast jedes Kind mal mit Herzlosigkeiten. Vor allem unter den Acht- bis Zwölfjährigen kursieren eine Menge Witze, die sich über bestimmte Menschengruppen lustig machen. Kinder müssen gewisse Untiefen zunächst ausloten, um ein Gespür für respektvollen, einfühlsamen Umgang zu bekommen. Der ist ja nicht angeboren. Ohne die Moralkeule zu schwingen, kann man erklären, warum bestimmte Menschen gute Gründe haben, sensibler als andere auf gewisse «Späße» zu reagieren, und dass es selbstverständlich ist, darauf Rücksicht zu nehmen.

Wenn es immer wieder zu «Ausreißern» kommt, muss man sich an einen Kindertherapeuten wenden. Kinder, die andere immer wieder attackieren, fühlen sich nicht genug angenommen und versuchen ihr geringes Selbstwertgefühl dadurch zu kompensieren, dass sie andere herabsetzen.

 
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