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34 «Pubertäres» Benehmen – kommen Kinder immer früher in die Pubertät?

Eltern haben heute oft den Eindruck, dass die Pubertät bereits mit acht oder neun Jahren beginnt. In diesem Alter legen viele Kinder Verhaltensweisen an den Tag, die eigentlich typisch für die Gruppe der Zwölf- bis Sechzehnjährigen sind: Aufsässigkeit und Widerspruchsgeist, Stimmungsschwankungen und Launen, freche

Antworten, Schlampigkeit, Selbstüberschätzung und eine äußerst anstrengende Null-Bock-Haltung.

Die späte Kindheit gilt zwar als relativ unauffällig und unproblematisch, als eine Atempause für die Eltern nach der anstrengenden Kleinkindzeit und vor den Turbulenzen der Pubertät. Tatsächlich sind die Jahre zwischen acht und zwölf aber von großen Umbrüchen begleitet, die sich auf einen einfachen Nenner bringen lassen: Großen Kindern wird es zu eng. Deshalb fordern sie energisch mehr Freiheiten, mehr Verantwortung, mehr Selbstbestimmung. Wer versucht, sie weiter «wie Babys» zu behandeln, stößt auf großen Widerstand. Dieses Verhalten zeigt sich - und das ist wichtig zu wissen - unabhängig davon, ob die eigentliche Pubertät, also die Geschlechtsreife, bereits begonnen hat. Kinder, die sich «pubertär» benehmen, sind also nicht unbedingt schon in der Pubertät.

Mit großen Kindern in der Vorpubertät, auch «kleine Pubertät» genannt, kommt man ganz gut zurecht, wenn man ihnen Großes zutraut. Sie selbst trauen sich jetzt, anders als ein paar Jahre später, eine ganze Menge zu. Zwischen acht und zwölf eignen sich Kinder selbständig erstaunliche Fertigkeiten und Sachkenntnisse an. Die späte Kindheit ist daher der beste Zeitpunkt, um neue Interessen zu wecken und alte zu vertiefen. Hobbys sind keine kindlichen Spielereien mehr, sondern «wertige», ernsthafte Tätigkeiten. Große Kinder wünschen sich, dass man sie darin ernst nimmt, ohne zugleich erwachsene Maßstäbe anzulegen.

Dabei lieben sie es, sich mit anderen, auch mit Erwachsenen, zu messen und ihre Kräfte unter Beweis zu stellen. Das zeigt sich unter anderem in einem ausgeprägten Renommiergehabe. Starke Gesten, Worte und Gefühle sind ein typischer Ausdruck dieser Altersphase. Große Kinder müssen außer Rand und Band geraten und laut sein dürfen. Beim Schreien, Lachen, Toben, Streiten, Blödeln geht es darum, ein im Wortsinn «tolles» Gefühl zu erzeugen.

Große Kinder brauchen viel Bewegungsfreiheit, Zeit für Spiel und Sport und Kontakt mit Gleichaltrigen. Dürfen sie ihre Gefühle nicht über Bewegung ausleben, tun sie sich sehr viel schwerer, emotionale Turbulenzen zu bearbeiten und zu überwinden.

Auch wenn sich Zehnjährige schon wie Teenager anziehen oder benehmen, würde es sie vollkommen überfordern, wenn man sie wie Jugendliche behandelt. Ihnen geht es darum, auszuloten, wie weit sie gehen können, wie groß ihr Freiheitsradius jetzt ist. Möglichst groß! Die meisten Kinder gehen damit erstaunlich verantwortungsvoll um, denn anders als Jugendliche stellen sie die Berechtigung von Grenzen noch nicht in Frage. Wenn sie übers Ziel hinausschießen, braucht es ein souveränes Gegenüber, das freundlich und bestimmt erklärt: Bis hierin und nicht weiter. Noch nicht.

 
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