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28 Kinderwagen statt selber laufen lassen?

In Fußgängerzonen und Kaufhäusern, auf dem Wochenmarkt und im Park, überall schieben Eltern Kinder, die längst laufen können, vor sich im Kinderwagen her. Besonderer Beliebtheit erfreut sich der Joggerbuggy. Der ist, wie der Name sagt, hervorragend zum Joggen und Skaten geeignet, manche lassen sich mit ein paar Handgriffen sogar zum Fahrradanhänger umfunktionieren. Während bewegungshungrige Eltern nicht auf die tägliche Joggingrunde verzichten möchten, verbringt der Nachwuchs die Zeit im Sitzen. Nicht verwunderlich, dass es noch nie so viele motorische Störungen und Bewegungsdefizite gab wie heute. Das haben Versicherungsunternehmen herausgefunden, und die sind aufgrund ihrer Interessenlage, möglichst wenig Unfallkosten finanzieren zu müssen, eine seriöse Quelle.

Hüpfen, klettern, balancieren, auf Zehenspitzen und rückwärts gehen? Fehlanzeige. Immer mehr Kinder sind kaum noch in der Lage, alltägliche Handlungen unfallfrei auszuführen. Jedem zweiten Kindergartenkind mangelt es an Geschicklichkeit und Ausdauer. Gleichgewichtssinn und Reaktionsschnelligkeit sind schlecht entwickelt. Mehr als die Hälfte der Kinder haben Haltungsschäden, und fast jedes dritte Kind kämpft mit Übergewicht.

Laufen ist viel mehr als eine physische Fähigkeit, es ist ein Schritt ins Leben. Ohne Körpererfahrung kommt die Selbsterfahrung nicht voran. Lernt man die Welt überwiegend aus der Perspektive des Kinderwagens kennen, bleibt die Entwicklung von Selbstvertrauen, Selbstverantwortung und Selbständigkeit auf der Strecke. Laufen, Klettern, Hüpfen macht fantasievoll, belastbar und ausdauernd und sorgt dafür, dass Kinder auch seelisch nicht so leicht aus dem Gleichgewicht geraten.

Natürlich ist ein Kinderwagen praktisch. Manchmal ist er sogar unentbehrlich, z.B. wenn man zwei Kinder unter drei hat oder wenn man nicht schwer tragen darf, wenn weite Strecken zu bewältigen sind und es mal schnell gehen muss. Ohne Buggy muss man mehr Zeit einplanen, denn mit einem Kleinkind dauert der Weg zum Supermarkt mindestens doppelt so lange. Die Welt da draußen ist nämlich spannend und will entdeckt werden. Klar, es ist manchmal etwas anstrengend, sich in den Anblick von Kastanien und verfaulten Ahornblättern zu vertiefen und sich über Zigarettenstummel, Regenwürmer und Betonmischmaschinen auszutauschen. Aber für Kinder sind diese Gespräche wichtig, weil sie ihnen die Welt erklären und dabei helfen, den Dingen einen Sinn zu geben.

Zwei- bis Dreijährige können problemlos zwei bis drei Stunden zu Fuß unterwegs sein, sagen Kinderärzte. Vorausgesetzt, man passt sich ihrem Tempo an und macht viele kleine Pausen. Und wenn es ein fahrbarer Untersatz sein muss, dann ein Dreirad, Laufrad oder Rollbrett. Das ist viel lustiger, als im Kinderwagen zu sitzen.

 
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