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26 Müssen sich Geschwister dauernd zanken?

Geschwister sind etwas ganz Besonderes. Sie vertrauen sich und machen sich gegenseitig Mut. Sie lachen und spielen zusammen, bringen sich Lesen und Weitspucken bei, und manchmal machen sie sich das Leben schwer. Die Beziehung zu einem Geschwister prägt Menschen stark und hält oft ein Leben lang. Experten wissen auch, warum: Zoff schweißt zusammen. Geschwister geraten aus den unterschiedlichsten Gründen aneinander. Weil sie hungrig, müde oder gelangweilt sind, weil sie die Aufmerksamkeit auf sich lenken wollen, weil sie voneinander genervt und aufeinander eifersüchtig sind. Das ist alles normal. Das schmerzliche Gefühl, Eltern würden Unterschiede machen, kann verschiedene Gründe haben. Vielleicht hat man dem einen Kind etwas erlaubt oder durchgehen lassen, was man dem anderen verboten hat. Oder man hat durch ein unbedachtes Wort den Eindruck erweckt, als ob man sich für die Interessen eines Kindes mehr begeistert als für die des anderen. Oder der kleine

Bruder hat sich den Arm gebrochen und bekommt nun nicht nur einen tollen Gips, sondern zu allem Überfluss noch eine Extraportion Zuwendung.

Solche Eifersuchtskonflikte lassen sich kaum verhindern, auch nicht mit der umsichtigsten Gleichbehandlung. Wenn Kinder älter werden, verstehen sie von allein immer besser, dass eine unterschiedliche Behandlung den unterschiedlichen Persönlichkeiten und Fähigkeiten geschuldet ist, nicht dem Umstand, dass ein Kind mehr geliebt wird als das andere.

Im Prinzip sollten sich Eltern aus Geschwisterstreitigkeiten heraushalten. Muss man mal intervenieren, geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, zu zeigen, wie man Ruhe und Besonnenheit in die Auseinandersetzung bringt. Oft genügt es, allen am Streit Beteiligten mit der gleichen Aufmerksamkeit zuzuhören (verständnisvolles Brummen oder Kopfnicken). Eltern sollten dann jedoch nicht als Richter, sondern nur als Supervisor auftreten. Der wichtigste Satz, um einen Streit zu schlichten, lautet: «Es ist egal, wer angefangen hat. Findet heraus, wie ihr den Streit beenden könnt.»

Ein entschiedeneres Eingreifen ist nötig, wenn Kinder übereinander herfallen. Bei Schubsen und Kneifen kann man eventuell ein Auge zudrücken. Aber bei Kratzen, Treten, Beißen, Spucken, Haare reißen, Schlagen mit Gegenständen gibt’s die Rote Karte. Konsequenzen sollten deutlich machen, dass man sich mit einem bestimmten Verhalten aus der Gemeinschaft ausschließt: Dann wird das Abendessen vielleicht mal allein eingenommen. Wichtig ist: Vor dem Zubettgehen muss Frieden einkehren, damit alle gut schlafen können.

Das Gute an solchen Auseinandersetzungen ist, dass Kinder lernen, Interessenskonflikte durchzustehen. Probleme mit Eltern und anderen Erwachsenen sind dazu weniger geeignet. Sie haben zu viele Trumpfkarten in der Hand, und außerdem sind Kinder von ihnen abhängig. Die Ausgangsbedingungen unter Geschwistern sind dagegen in etwa gleich, und, ganz wichtig, niemand kann sich aus dem Staub machen. Bruder und Schwester werden den Kampf weder bis zur totalen Niederlage führen noch zu schnell klein beigeben, und weil sonst keiner in Frieden weiterexistieren kann, muss es zu einer

Versöhnung kommen.

Bemühungen der Eltern, Geschwister äußerlich gleich zu behandeln, sind im Übrigen selten von Erfolg gekrönt. Wenn man Geschwister gleich einkleidet oder ihnen das gleiche Spielzeug schenkt, führt die nur zu einem unüberschaubaren Berg von abgelegten, kaputten Sachen, für die der eine schon zu groß und der andere noch zu klein ist, und unter den Kindern selbst zu der unangenehmen Gewohnheit, die Besitztümer der Geschwister argwöhnisch unter die Lupe zu nehmen und auf Gleichwertigkeit hin zu überprüfen. Kinder haben Recht: Eltern können nicht fair sein. Schon allein deshalb nicht, weil Kinder nicht gleich sein wollen.

Mancher Zusammenstoß lässt sich vermeiden, wenn man eine klare Linie in punkto Eigentum zieht. Jedes Kind hat das Recht auf persönliche Dinge, die allen anderen heilig sein müssen. Jeder Verstoß wird geahndet! Das Teil muss sofort zurückgegeben werden. Können sich Geschwister darauf verlassen, dass ihre Schätze nicht angetastet werden, wühlen sie erfahrungsgemäß auch nicht in fremden Sachen.

Bleibt die «Rechtslage» unklar, ist Salomon gefragt: Das Streitobjekt wird entfernt, dann wartet man ab, bei welchem Kind die Empörung größer, nachhaltiger ist. Oder man erklärt, dass die Streithähne einen Kompromiss finden müssen, wenn sie das Teil wiederhaben wollen. Dem «Klügeren», der nachgibt, sollte man mit Anerkennung in der Stimme erklären, dass man weiß, wie schwer das ist. Bei Petzen schaltet man am besten auf Durchzug. Wenn man darauf verzichtet, dem Angeschwärzten die Leviten zu lesen, lernt der kleine Petzer, dass seinen Eltern Loyalität wichtiger ist als nebensächliche Informationen.

Hin und wieder sollten Eltern in ihren eigenen Auseinandersetzungen fünf gerade sein lassen. So bekommen Kinder mit, dass einem kein Zacken aus der Krone fällt, wenn man mal nachgibt.

 
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