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24 Und ich? Wie verteilt man in der Familie die Aufgaben gerecht?

«Elternschaft ist eine Lebensform, die Menschen eine reduzierte Persönlichkeit aufnötigt», schreibt Dieter Thomä, Professor für Philosophie, in seinem Buch «Eltern». Eltern sind die einzigen Wesen der Schöpfung, die das Wissen um ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche systematisch negieren. In dieser Hinsicht stehen sie evolutionär weit unter der Stubenfliege, denn die weiß genau, wann sie sich niederlassen, laufen und essen muss.

Dieses merkwürdige Verhalten ist in erster Linie auf die große Bedürftigkeit der Kinder in den ersten Lebensjahren zurückzuführen. Damit sie gedeihen, müssen existentielle Bedürfnisse liebevoll und möglichst prompt erfüllt werden. Das funktioniert nur, wenn die eigenen hintangestellt werden. Doch eines nicht so fernen Tages muss das «Füttern auf Verlangen» aufhören, sonst lernen Kinder nicht, für sich Verantwortung zu übernehmen, und erst recht nicht, die Bedürfnisse, Anliegen und Rechte anderer wahrzunehmen und zu achten.

Diese anderen sind zunächst einmal die Eltern. Da Kinder naturgemäß Egozentriker sind, ist es nötig, sie hin und wieder darauf aufmerksam zu machen, dass die Eltern auch noch da sind. Es bekommt weder den Kindern noch einem selbst, wenn man die eigenen Bedürfnisse und Wünsche ständig negiert. Wer sich selbst aus den Augen verliert, hat keine Basis mehr, von der aus er anderen gegenüber mitfühlend und großmütig sein kann.

Die Frage, wer was im Familienalltag übernimmt, greift sehr viel tiefer als die Staubschicht, die sich gerade wieder unterm Sofa ansammelt. Wenn man aus falsch verstandener Gutmütigkeit oder einem ähnlich diffusen Grund keine Klärung sucht, stellt man einen Zeitzünder. Die Bombe explodiert vielleicht erst Jahre später, aber sie tickt jeden Tag und manchmal auch jede Nacht.

Nach wie vor haben vor allem Mütter oft das Gefühl, über Gebühr beansprucht zu werden und ansonsten zu kurz zu kommen. Daran sind sie selbst nicht ganz unschuldig. Viele tun sich schwer, Aufgaben zu delegieren. In der Tat erscheint es auf den ersten Blick unsinnig, zuzuschauen, wie sich jemand mit etwas abmüht, das man selbst routinemäßig schnell erledigen kann. Aber nur so entsteht der Freiraum, den man anders füllen kann als mit Staubsaugen. Doch da lauert eben ganz tief innen die Angst, sich überflüssig zu machen. Dagegen hilft nur eines: sich bewusst zu machen, dass man um seiner selbst willen geliebt werden möchte, und sich ab sofort etwas mehr um dieses Selbst zu kümmern.

Vielleicht will man ja das Kochen und überhaupt alles, was mit Küche und Einkäufen zu tun hat, loswerden, oder die Elternabendbesuche oder das allabendliche Vorlesen, bei man immer fast einschläft. Nur zu! Am besten trommelt man die Familie zusammen. Dann schreibt jeder auf, wie viel Zeit er in die Gestaltung des Familienlebens investiert (inklusive Chauffeurdienste und ähnliches) und wie viele Stunden er darüber hinaus durch Schule bzw. Beruf und ehrenamtliche Tätigkeiten wie Elternvertreter oder Fußball trainer beansprucht ist. Vielleicht nimmt man zwei, drei Wochentage zur «Datenerfassung». Sollte sich bei dieser Bestandsaufnahme herausstellen, dass einer in der Familie am Ende des Tages kaum eine Minute für sich hat, werden die anderen einsehen, dass das nicht fair ist und dringend geändert werden muss.

Außerdem hat jeder ein Recht darauf, als kompetente Person ernst genommen zu werden. Am besten drückt man gleich jetzt dem Kind einen Putzlappen und dem Partner Einkaufstasche oder Kochlöffel in die Hand. Und vielleicht lassen sich ja die Standards für Ordnung und Sauberkeit zugunsten von mehr Freizeit und Freiheit senken?

 
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