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FAMILIENALLTAG

23 Warum brauchen Kinder Traditionen und Rituale?

Das Leben in und mit der Familie braucht Meilensteine, Ereignisse im Kalender, auf die sich alle gemeinsam freuen, die man gemeinsam vorbereitet und erlebt. Dazu gehören die großen Fest- und Feiertage und besondere Familienfeste. Die damit verbundenen Traditionen und Rituale - das Geschirr, das nur zu Ostern benutzt wird, das Frühstück ans Bett bringen und der Blumenkranz zum Geburtstag, die Strohsterne, die seit zwei Generationen den Weihnachtsbaum schmücken - vermitteln ein Bild der jeweils einzigartigen Familien-Vergangenheit, in der sich ein Kind als ein wichtiger Teil verorten kann: Das bin ich, das sind wir, hierher gehöre ich.

Traditionen sind gelebte Erinnerungen, um die sich Geschichten aus längst vergangenen Tagen ranken, die immer wieder ausgetauscht werden wollen. Sie schenken Zuversicht und Sicherheit und das Wissen, dass Kummer, Unglück und Armut zum Leben dazugehören und dass man damit fertig werden kann.

Wiederkehrende Ereignisse, Feste und die damit zusammenhängenden Bräuche und Sitten helfen, die Welt zu ordnen. Kinder entwickeln auf diese Weise ein Verständnis für Zeiträume und Jahreszeiten, für Vergangenheit und Zukunft.

Entwicklungspsychologen bezeichnen den kindlichen Bildungsprozess auch als «Konstruktion von Weltbildern». Darüber, wie in der Familie Weihnachten, Ostern, Chanukka und Pessach oder das Opferfest gefeiert werden, kann sich ein Kind einen Reim auf die Dinge dieser Welt machen und eine kulturelle und religiöse Identität entwickeln.

Auch Alltagsrituale sind - richtig eingesetzt - liebevolle und wirksame Erziehungshelfer. Beginnt jede Mahlzeit zum Beispiel mit einem Tischspruch, fangen Kinder nicht zu essen an, bevor alle am Tisch sitzen. Die Wiederholung bestimmter Handlungen, der immer gleiche Ablauf - Zähneputzen, Schlafanzug anziehen, Geschichte vorlesen - gibt Halt und Orientierung in einer für Kinder komplizierten und oft undurchschaubaren Welt. Kinder lieben es, wenn alles so ist «wie immer». Bis sie eines Tages selbst bestimmen, «keine Sterne an den Weihnachtsbaum», «Sonntagsbrunch mit der Familie ist blöd, ich will ausschlafen». Das müssen Eltern akzeptieren. Und auf keinen Fall vor Freunden das traditionelle Geburtstagslied anstimmen - das wäre superpeinlich. Die mitunter heftige Ablehnung von Traditionen und Ritualen hilft Heranwachsenden, sich abzugrenzen und aus der Familie zu lösen, um ihr eigenes Leben mit eigenen Traditionen und Ritualen zu gestalten. Die sind dann oft ganz ähnlich wie die der Kinderzeit.

 
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