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19 Warum lügen und schwindeln Kinder so oft?

Eltern sehen das naturgemäß etwas anders, aber zunächst einmal ist Lügen können ein Schritt in Richtung kognitiver Reife. Kleinkinder können gar nicht lügen. Bis drei, vier sind Kinder im magischen Alter und leben in der Vorstellung, dass Eltern allmächtig und allwissend sind. Wozu also lügen? Mit etwa vier merken sie zwar, dass Lügen offenbar eine schwerwiegende Sache ist, weil darum so viel Aufhebens gemacht wird, doch erst mit fünf, sechs Jahren finden sie heraus, dass ein anderer unter Umständen weniger weiß und man ihn hinters Licht führen kann. In diesem Alter realisieren sie auch, dass es keineswegs damit getan ist, einfach wiederzugeben, was passiert ist, sondern dass es darauf ankommt, die richtige Geschichte zu erzählen. Sie lernen, dass man seine Phantasie dazu benutzen kann, nett zu sein, sich zu rechtfertigen, einen Streit zu umgehen oder etwas zu erreichen, was man sich wünscht. «Sprache bedeutet, Dinge mit Worten zu tun», sagt Rainer Maria Rilke.

Wie oft Kinder diese neue Fähigkeit einsetzen, hängt davon ab, welchen Stellenwert das «Geschichtenerzählen» in ihrer Umgebung hat. Wird in einer Familie viel geschwindelt und manipuliert, wenden Kinder diese Kommunikationstechnik ebenfalls häufig an. Außerdem greifen jüngere Geschwister deutlich häufiger zur «Mogel-Packung» als Erstgeborene und Einzelkinder. Wenn sie mithalten wollen, bleibt ihnen manchmal gar nichts anderes übrig.

Mit sieben, acht Jahren lernen Kinder dann, dass man gewisse Dinge freundlich umschreiben sollte und nicht mit allem rausplatzen darf, was einem gerade in den Sinn kommt. «Du stinkst» oder «ich mag dich nicht» klingen auch aus Kindermund nicht charmant. Die Fähigkeit, zu lügen, ist ein essentieller Bestandteil der sozialen Intelligenz.

Bis zum 12. Lebensjahr lügen Kinder auch noch aus einem anderen Grund: weil sie eine andere Sicht auf die Wirklichkeit haben als Erwachsene. Manches, was Eltern harmlos finden, erscheint ihnen beunruhigend und bedrohlich. Sie malen sich dramatische Folgen aus, wenn sie einen Fehler gemacht haben, und erfinden in ihrer Not Geschichten, die Eltern erst recht aufbringen. Sie behaupten, der Pulli sei geklaut worden, statt zuzugeben, dass sie ihn verloren haben, oder nehmen einen «upgrade» ihrer Noten vor. Für Kinder ist die Vorstellung, ihre Eltern traurig zu machen oder zu enttäuschen, extrem belastend. Öfter, als man denkt, lügen sie, um Eltern zu schützen.

Manchmal lügen Kinder auch, weil sie ein bisschen unabhängiger sein wollen oder um sich vor allzu drängenden Fragen nach ihrem Innenleben zu schützen.

Bei allem Verständnis: Die Wahrheit soll ans Licht. Das klappt nur, wenn ein Kind nicht mit Strafen oder Sanktionen rechnen muss. Das Wichtigste ist auch hier, gut zuzuhören. Wenn möglich, sollte man keine Warum-Fragen stellen. Sie klingen zu sehr nach Kritik und Anschuldigung. Emotionsforscher bezweifeln im Übrigen, dass Kinder erklären können, was «wirklich» passiert ist. Meistens malen sie ihre Wahrnehmungen stark nach eigenen Wünschen aus, erwähnen, was ihnen bedeutsam erscheint, und vergessen wichtige Aspekte. Oft verwechseln sie auch die zeitliche Reihenfolge der Ereignisse. Besser ist es, man fragt, was passieren könnte, wenn die Sache ans Licht käme. Dabei zeigt sich häufig, dass Kinder die Konsequenzen ihrer Handlungen wesentlich schlimmer einschätzen, als sie in Wirklichkeit sind. In diesem Fall sollte man sein Kind beruhigen. Dann kann man anbieten, die Sache gemeinsam aus der Welt zu schaffen, und überlegen, wie man sich beim nächsten Mal in einer ähnlichen Situation verhalten kann, damit man nicht lügen muss. So merken Kinder, dass sie den Eltern vertrauen können, und die größte Hürde in Richtung Wahrhaftigkeit ist genommen.

 
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