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9 Gelten in Patchworkfamilien besondere Regeln?

Schätzungsweise jedes vierte Kind in Deutschland lebt dauerhaft oder zeitweise in einer Patchworkfamilie. Viele Studien zeigen: Es ist ein langer Weg, bis der Traum von der heilen Patchwork-Welt Realität wird. Schließlich wollen nicht nur Stiefmutter/-vater (netter klingt Bonusmutter/-vater) und Kind gut miteinander auskommen, sondern auch Ex-Partner, neue und alte Verwandte, Paten, Freunde. Man hat mit Verletzungen, unterdrücktem Kummer, offener Wut, unklaren Übereinkünften und Machtkämpfen zu tun, die leider nicht selten in ein zermürbendes emotionales Tauziehen um die Aufmerksamkeit und Zuneigung des Kindes münden - Partner/Partnerin auf der einen Seite und Vater/Mutter auf der anderen. Bis ein verträgliches Miteinander gelingt, dauert es im Schnitt drei Jahre, und am Ende bleiben es immer noch zwei Familien - nicht eine. Wer mit realistischen Erwartungen an die Sache herangeht, ist nicht nur vor Enttäuschungen gefeit, er hat auch gute Chancen, dass die Patchwork-Familie zu einer bereichernden Erfahrung wird, in der es gelingt, gute, oft auch sehr gute Beziehungen aufzubauen.

Ein Anfang ist gemacht, wenn es gelingt diese «Fallen» zu umschiffen:

«Bei uns kannst du machen, was du willst!» Natürlich darf man manche Dinge erst mal etwas lockerer angehen, zum Beispiel die Sache mit den schmutzigen Socken im Wohnzimmer. Kinder sollen sich in ihrem neuen (Zweit-)Zuhause schließlich wohlfühlen. Trotzdem zahlt es sich aus, wenn man gleich zu Anfang deutlich macht, dass es auch in der neuen Familie Regeln gibt. Falls es sich um Neuerungen handelt, erklärt man kurz: «Hier zieht jeder die Schuhe an der Tür aus.» (Formulierungen wie «bei uns ist das so...» vermeidet man besser.) Unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich Ordnung, Sauberkeit, Essmanieren diskutiert nach Möglichkeit der leibliche Elternteil. Falls er nicht da ist oder kneift, erklärt man kurz und freundlich die Basics: «Morgens lüften, Bett machen, das ist alles.» Für die Benutzung der gemeinschaftlichen Räume kann man einen Plan aufhängen. Wichtig ist dabei, positive Formulierungen zu benutzen, keine Verbote, z.B. «Sofakissen aufs Sofa», «Pizzareste in den Müll».

Regelungen zwischen Kind und leiblicher Mutter/Vater sollten nach Möglichkeit eingehalten werden. Wünscht Mutter/Vater kein Fernsehen und keine Süßigkeiten, dann gibt es das auch nicht.

«Lass uns mal einen drauf machen. Wir werden bestimmt gute Freunde!» Auch wenn die neue Partnerin oder der neue Partner jünger ist als die/der Ex und altersmäßig nah am Kind: in dessen Augen ist sie/er erwachsen und gehört auf die Elternseite. Freunde suchen sich Kinder normalerweise unter ihresgleichen, nicht unter Erwachsenen. Teenager könnten auf die Idee kommen, eine coole Beziehung vorzugaukeln, um sich Vorteile zu ergaunern. Auch deshalb ist es ratsam, als reife, vernünftige Person aufzutreten, die ernst genommen werden kann.

«Ich mach das schon, du bekommst...» Es gibt keinen Grund, ein Kind für die Trennung seiner Eltern zu entschädigen. Das macht seinen Schmerz nicht geringer. Vielmehr schafft man damit gleich neue Probleme. Die meisten Kinder reagieren äußerst kratzbürstig, wenn man versucht, netter, hilfsbereiter, großzügiger zu sein als das Original.

«Warum machst du so ein Gesicht?» Kinder dürfen ein Gesicht machen und traurig sein, weil sie trauern. Auch bei einvernehmlichen Trennungen haben Kinder das Gefühl, ihnen sei der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Oft trauern und grollen sie in Gegenwart des neuen Elternteils besonders, weil sie hier den Verantwortlichen für ihren Kummer ausmachen. Das heißt jedoch nicht, dass man jede Laune ertragen muss. Hier ist der leibliche Elternteil gefragt. Wenn er zuhört und tröstet, bessert sich die Stimmung erfahrungsgemäß rasch.

«Dein Vater/deine Mutter und ich gehen immer...» Was auch immer man in den Zeiten unternimmt, wo das Kind nicht da ist - das ist kein geeignetes Gesprächsthema. Wer einem Kind das positive Bild einer liebe- und respektvollen Partnerschaft vermitteln möchte, verhält sich am besten wie ein liebe- und respektvolles Paar.

«Hat dir das deine Mutter/dein Vater beigebracht?» Wer schlecht über die leiblichen Eltern redet oder sie kritisiert, hat schon verloren. Es ist für alle Beteiligten äußerst belastend, wenn die Konflikte immer weitergetragen werden.

«Habt ihr das bei deiner Mama/deinem Papa immer so gemacht?» Familiensitten und -gebräuche, mögen sie noch so seltsam anmuten, sind in einer Trennungssituation ein wichtiger Halt. Wenn man fragt, wozu Gummibänder gesammelt werden oder was um alles in der Welt die Mayo auf dem Hamburger soll, fühlen sich Kinder angegriffen. Wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht vermuten sie hinter der Frage weniger echtes Interesse als vielmehr Kritik an einer (vermeintlichen) Unsitte. Falls es sich nicht um eine wirklich schlechte Angewohnheit handelt, sollte man die Sache mit Humor nehmen und darüber hinwegschauen.

 
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