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3 Repertory Grid als alternative Methode zwischen qualitativ und quantitativ und zwischen Messen und Beurteilen

Mixed model-studies kennen andere Disziplinen bereits seit Jahrzehnten. In den 1960ern entwickelte der Psychologe Kelly (1955) das Repertory Grid-Verfahren, um „subjektive Wirklichkeitskonstrukte im Erfahrungshorizont“ (Rosenberger und Freitag 2009, S. 477) von Personen zu erfassen. Die Besonderheit dieses Verfahrens ist, dass die Datenerhebung qualitativ ist, die Auswertung der Daten aber auch mit quantitativen Analyseverfahren möglich ist. Repertory Grid steht aber nicht nur an der Schnittstelle zwischen qualitativem und quantitativem Ansatz, sondern auch an der Schnittstelle zwischen der empirischen Legitimitätsforschung als „Messen“ und

„Beurteilen“.

3.1 Theoretischer Hintergrund

Die Grundlage der Repertory Grid-Methode ist die Annahme, dass Menschen die Realität (re)konstruieren, um mit der Welt in Kontakt treten zu können. Menschen antizipieren Ereignisse durch die individuelle Verknüpfung ihrer eigenen Erfahrungen. Sie evaluieren die Ergebnisse ihres Handelns mit den verfügbaren persönlichen Konstrukten, um ihr Verhalten an die Erfordernisse der Umwelt anzupassen (Jankowicz 2004).

Die Repertory Grid-Methode ermöglicht die Beantwortung zahlreicher substantieller Fragen: 1. In welchem Verhältnis stehen verschiedene Realitäten (Elemente) zueinander? 2. Wie beschreiben (Konstrukte) Menschen die Realität (Elemente)? 3. Was meinen Menschen, wenn sie über spezifische Dinge sprechen? und 4. Welche Bedeutung haben die Worte des Befragten?

3.2 Datenerhebung

Repertory Grid arbeitet mit den Worten der Befragten selbst, um die subjektiven Konstrukte von Individuen zu messen. In der Vorbereitung der Datenerhebung werden Begriffe („Elemente“) festgelegt, die den (Ziel)Begriff, z. B. Legitimität in real existierende, repräsentative Referenzen oder Objekte übersetzt. Für die Erforschung der Wahrnehmung der Legitimität der EU können das zum Beispiel „das Europäische Parlament“, „die Europäische Kommission“ oder „die Europäische Zentralbank“ sein. In der Theorie Kellys (1955) sind diese „Elemente“ für den Befragten relevante Dinge, Situationen oder Ereignisse. Die Auswahl der richtigen und möglichst aussagekräftigsten Elemente ist Teil des pre-set research design. Die Festlegung der Elemente ist der sensibelste Teil der Methode, da sie das gesamte Interview und dessen Ergebnisse beeinflusst. Darum ist es wichtig, die Elemente vor der tatsächlichen Forschungsphase gewissenhaft zu testen und nötigenfalls nachzujustieren.

Im ersten Schritt des Repertory Grid-Interviews werden drei dieser festgelegten Elemente zufällig ausgewählt und gegenübergestellt. Der Interviewte wird gebeten, zwei der drei Elemente als einander ähnlich oder voneinander verschieden zu bewerten. Im zweiten Schritt formuliert der Interviewte eine subjektive Einschätzung, worin sich die ausgewählten zwei Elemente unterscheiden bzw. worin sie sich ähneln, um in einem dritten Schritt zu formulieren, durch welche eigene Beurteilungsdimension (Konstrukt) sich das dritte Element von den anderen beiden abgrenzt. Mit Hilfe persönlicher „Konstrukte“ vergleicht der Befragte die charakteristischen Eigenschaften der „Elemente“ und setzt die „Elemente“ zueinander in Beziehung. Die „Elemente“ und „Konstrukte“ helfen Menschen, ihre Realität zu strukturieren. Konstrukte können nach Kelly (1955) als dichotome Dimensionen von beispielsweise „gut“ versus

„böse“ bis zu „warm und sonnig“ versus „kalt und windig“ reichen, um die „Elemente“ auf der Basis ihrer Ähnlichkeit bzw. Unterschiedlichkeit zu sortieren und zu evaluieren. Um beim Beispiel der Legitimität zu bleiben, können das die Konstruktdimensionen „gewählt“ versus „ernannt“ sein. Die Abb. 2 visualisiert diese ersten drei Interviewschritte.

Abb. 2 Erstellen der Konstruktdimensionen. (Quelle: Eigene Darstellung)

Abb. 3 Bewertung der Elemente im Tetralemmafeld. (Quelle: Eigene Darstellung)

Im vierten Schritt werden alle übrigen Elemente des Interviews mit den eigens erstellten Beurteilungskonstrukten bewertet. Diese Bewertung findet in einem Tetralemmafeld statt, welches neben der Zuordnungsposition zwischen Konstrukt 1 und 2, z. B. „gewählt“ versus „ernannt“ auch die Optionen „beides“ oder „keines von beiden“ zulässt (Elements and Constructs 2013). Jedes „Element“ wird mit den „Konstrukten“ bewertet (Jankowicz 2004), wie Abb. 3 exemplarisch zeigt. Das Repertory Grid-Interview erstellt damit für den Forscher eine Art „mental map“ (Jankowicz 2004, S. 14), wie Menschen denken und die Welt sehen.

Diese Schritte werden mit verschiedenen, zufällig ausgewählten Sets von je drei Elementen wiederholt, um unterschiedliche Konstrukte des Interviewten und dessen entsprechende Zuordnung der Elemente zu sammeln. Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, sind mindestens fünf Interviewdurchgänge pro Befragten notwendig. Abbildung 4 fasst den kompletten Ablauf einer Repertory Grid-Analyse, von der Vorbereitung, über die Durchführung, bis zur Auswertung der Daten, mit der sich Kap. 3.3 im Anschluss befasst, zusammen.

 
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