Desktop-Version

Start arrow Politikwissenschaft arrow Europa, europäische Integration und Eurokrise

< Zurück   INHALT   Weiter >

Krisenzeichen in Krisenzeiten?

Ein Vergleich der Determinanten zweier Einstellungsdimensionen zur EU vor und zu Beginn der Eurokrise

Zusammenfassung In diesem Artikel werden mit einer instrumentellen und einer Vertiefungsdimension zwei Einstellungsdimensionen untersucht, die die Haltung gegenüber der EU erfassen. Verglichen wird dabei, wie sich insbesondere ökonomische Einflussfaktoren vor und zu Beginn der Eurokrise auswirken und bezüglich der beiden Dimensionen unterscheiden. Die Analyse erfolgt primär anhand von Mehrebenenmodellen mit Eurobarometerdaten und länderspezifischen Kontextfaktoren. Entgegen der Erwartung gewinnen ökonomische Bewertungen und die ökonomische Entwicklung in der Krise nicht an Einfluss. Lediglich der Nettozahlerstatus bewährt sich als Determinante der instrumentellen Einstellungsdimension.

Schlüsselwörter Eurokrise • Öffentliche Meinung • Mehrebenenanalyse

Attitudes towards the EU in times of crisis: a comparison of the determinants of two dimensions of attitudes before and at the start of the euro crisis

Abstract This article analyses two dimensions of attitudes towards the EU: an instrumental and a strengthening dimension. The focus is mainly on the economic attitudes and developments before and at the start of the euro crisis, and how these attitudes and developments affect both dimensions. The results are based primarily on multilevel models, using Eurobarometer data and country-specific context factors. Contrary to expectations, results show no increasing influence of economic factors. Only net contribution to the EU budget proves to be a significant predictor of instrumental attitudes towards the EU.

Keywords Euro crisis • Public opinion • Multilevel analysis

1 Einleitung

Die Einstellungen der Bürger gegenüber der EU sind in den vergangenen Jahren intensiv erforscht worden. Ein Grund für das gestiegene Interesse sind der „PostMaastricht Blues“ (Eichenberg und Dalton 2007, S. 128), der auf die Vertiefung der Integration durch den Maastricht-Vertrag folgte, und die ablehnenden Referenden in mehreren Mitgliedstaaten in den 2000er Jahren. Sie haben deutlich gemacht, dass der lange vorherrschende „permissive consensus“ (Lindberg und Scheingold 1970), der eine grundsätzliche Zustimmung der Bürger zur EU und ihrer weiteren Integration bedeutet hat, an seine Grenzen gestoßen ist. Die kritische Perspektive der Bevölkerung hat begrifflich Eingang in die Forschung gehalten. Auch hier wird teilweise der populäre Begriff „Euroskeptizismus“ gebraucht, der in der britischen Medienberichterstattung bereits seit den 1980er Jahren Verwendung findet. Dort wurde er als ablehnende Haltung gegenüber der Mitgliedschaft in oder der weiteren Integration der Europäischen Gemeinschaften aufgefasst (Harmsen und Spiering 2005, S. 15–16). Diesem Verständnis folgen auch viele empirische Forschungsarbeiten, wobei die zuvor vorherrschende positive Perspektive, die auf den „EU Support“ der Bürger gerichtet war, häufig einfach umgedreht wird (Boomgaarden et al. 2011, S. 242).

Studien, die die Einstellungen der Bürger zwischen den EU-Ländern vergleichen, ziehen häufig die Bewertung der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes heran, die in den Eurobarometerdaten regelmäßig abgefragt werden. Arbeiten, die sich theoretisch mit Einstellungen gegenüber der EU beschäftigen, betonen allerdings, dass diese aus mehreren unterschiedlichen Dimensionen bestehen. In einer aktuellen Untersuchung verdeutlichen Boomgaarden et al. (2011) diese theoretische Mehrdimensionalität auch empirisch. Außerdem finden sie Hinweise dafür, dass die verschiedenen Einstellungsdimensionen von unterschiedlichen Determinanten unterschiedlich gut erklärt werden können (Lubbers und Scheepers 2007).

Im vorliegenden Artikel werden daher zwei Einstellungsdimensionen gegenüber der EU genauer untersucht. Zum einen eine als instrumentell bezeichnete Dimension, die sich auf den wahrgenommenen Nutzen der EU-Mitgliedschaft des eigenen Landes bezieht. Zum anderen eine Vertiefungsdimension, die als Befürwortung bzw. Ablehnung von Kompetenztransfers an die EU in unterschiedlichen Politikbereichen verstanden wird. Im Fokus des Artikels steht die Frage, ob die beiden Dimensionen unterschiedlich auf die globale Wirtschaftskrise und beginnende Eurokrise reagieren, insbesondere ob ihre Determinanten sich in ihrem Einfluss zwischen den beiden Zeitpunkten unterscheiden. Denn gerade ökonomische Faktoren, die als ein wichtiger Erklärungsfaktor insbesondere von instrumentellen Einstellungen gelten, sollten im Zuge der Krise an Bedeutung gewonnen haben. Um dies zu prüfen, werden Umfragedaten zu zwei Untersuchungszeitpunkten herangezogen: Der erste liegt vor dem Beginn der globalen Wirtschaftskrise, der andere während der Wirtschafts- und zu Beginn der Eurokrise. Zu Beginn der Analyse soll ein Vergleich der Ländermittelwerte beider Einstellungsformen zeigen, ob sich wie erwartet eine Verschlechterung der durchschnittlichen Einstellungen im Jahr 2010 in den EU-Ländern zeigt. Darauf folgen für die beiden Dimensionen und beide Jahre Analysen mit Mehrebenenmodellen, anhand derer die individuellen Einstellungen über individuelle und (länder-)kontextspezifische Merkmale erklärt werden. Zunächst wird allerdings auf die untersuchten Einstellungsdimensionen gegenüber der EU genauer eingegangen. Es folgt eine Darstellung der verwendeten theoretischen Ansätze zur Erklärung der Einstellungen und bisheriger Forschungsergebnisse, auf deren Grundlage die Forschungshypothesen abgeleitet werden. Im anschließenden Abschnitt zu Daten und Operationalisierung werden auch die Analysemodelle genauer beschrieben. Darauf folgt die Präsentation der eigenen Analyseergebnisse, die abschließend diskutiert werden.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics