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Cues oder Performanz?

Quellen des Vertrauens in die Europäische Union

Zusammenfassung Nach gegenwärtigem Forschungsstand basiert das Vertrauen der Menschen in die Europäische Union vor allem auf einer Übertragung von nationalem politischem Vertrauen auf die europäische Ebene. In unserem Beitrag überprüfen wir, inwieweit dieser Cueing-Ansatz tatsächlich erklärungskräftiger ist als das konkurrierende Modell der Performanzzuschreibungen. Anhand von Daten des Eurobarometer (2010) zeigen wir, dass beide Faktoren einen nahezu gleich großen Einfluss auf das EU-Vertrauen ausüben, wobei der Einfluss von wahrgenommenen Leistungen sogar etwas stärker zu sein scheint als der des Cueings. Dieses Ergebnis widerspricht den Befunden früherer Studien und deutet darauf hin, dass die EU nicht nur vermittelt durch das nationale politische System, sondern auch als eigenständiger politischer Akteur wahrgenommen und beurteilt wird.

Schlüsselwörter Vertrauen • Europäische Union • Cueing • Performanz

Cues or performance?

Sources of trust in the European Union

Abstract Most studies on trust in the European Union claim that the latter is based mainly on citizens' national political trust, which is transferred to the European level. In our paper, we test the degree to which this cueing approach is more explanatory than the competing model of performance attributions. Using Eurobarometer data (2010), we demonstrate that both factors affect trust in the EU almost equally, with performance appearing slightly more influential than national cues. This result contradicts earlier studies as it shows that citizens not only perceive and rate the EU via their own national political system, but they also perceive and rate the EU directly as a political actor on its own.

Keywords Trust • European Union • Cueing • Performance

1 Einleitung

Seit Beginn der 1990er Jahre ist ein deutlicher Rückgang in der Unterstützung der Bürger für das politische System der Europäischen Union (EU) festzustellen (Kaina 2009; Knelangen 2012). Dieser sogenannte „post-Maastricht Blues“ (Eichenberg und Dalton 2007), der im Zuge der Gründung der EU durch den Vertrag von Maastricht einsetzte, hat zu einem verstärkten wissenschaftlichen Interesse an den Ursachen für positive und negative Einstellungen gegenüber der Union geführt, die je nach theoretischem Hintergrund unterschiedlich erklärt werden. Hierbei konkurriert der utilitaristische Ansatz, der ökonomische und politische Kosten-Nutzen-Kalküle hervorhebt, mit Theorien, die nicht-rationale Faktoren wie soziale Identitäten oder kognitive Heuristiken als mögliche Ursachen von EU-Einstellungen in den Mittelpunkt ihrer Erklärung stellen (Hooghe und Marks 2005). Insbesondere in der EU-Vertrauensforschung spielt dabei der sogenannte Cueing-Ansatz eine wichtige Rolle. Dieser geht davon aus, dass Hinweise oder „Cues“ aus dem nationalen politischen System die Basis für den entscheidenden Mechanismus zur Generierung von EU-Vertrauen darstellen da diese Heuristik die Komplexität des Mehrebenensystems der Union reduziert und dadurch ihre Beurteilung wesentlich erleichtert (z. B. Armingeon und Ceka 2013; Muñoz et al. 2011).

In unserem Beitrag gehen wir der Frage nach, aus welchen Quellen sich das EUVertrauen der Bürger speist, und analysieren konkret den Einfluss von Leistungsbeurteilungen der EU einerseits und nationalen Cues andererseits. Die Beantwortung dieser Frage ist zum einen relevant, weil Vertrauen in die Europäische Union eine Mischform von spezifischer und diffuser politischer Unterstützung darstellt und somit für die Persistenz der Union wichtig ist. Zum anderen liefert die Kenntnis über die Grundlagen von EU-Vertrauen Hinweise darauf, inwiefern die Union neben nationalen Institutionen und Amtsinhabern von den Menschen als eigenständiger politischer Akteur wahrgenommen und bewertet wird. Dass die EU mittlerweile in vielen Bereichen einen weitreichenden und genuinen Einfluss auf die Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung ausübt, ist unter Beobachtern weitgehend unumstritten und u. a.Anlass intensiver Diskussionen über ein mögliches Legitimitätsbzw. Demokratiedefizit der Union (z. B. Hurrelmann 2007; Kielmannsegg 2009). Inwieweit die Bürger diese Entwicklung nachvollzogen haben und die Union tatsächlich anhand ihres politischen Handelns beurteilen, ist demgegenüber noch weitgehend ungeklärt. Die bisherigen Ergebnisse aus der EU-Vertrauensforschung legen nahe, dass die EU vor allem vermittelt über Einstellungen zum nationalen politischen System beurteilt wird: „We have little evidence to suggest that most citizens form their opinion of the EU on the basis of information and knowledge about the EU“ (Armingeon und Ceka 2013, S. 23). Trifft diese Beobachtung zu, muss davon ausgegangen werden, dass die EU selbst wenig dazu beitragen kann, die öffentliche Meinung ihr gegenüber zu beeinflussen und beispielsweise das seit Beginn der „Eurokrise“ stark gesunkene Vertrauen in sie zurückzugewinnen (Armingeon und Ceka 2013).

Im Folgenden diskutieren wir zunächst das Konzept der politischen Unterstützung von David Easton und dessen Anwendung in der EU-Einstellungsforschung und zeigen, warum das Konzept des EU-Vertrauens eine angemessene Kategorie zur Erfassung von EU-Unterstützung darstellt. Anschließend präsentieren wir die wichtigsten Ansätze zur Erklärung von Vertrauen in die Union, indem wir sowohl Theorien aus der EU-Einstellungsforschung als auch solche aus der national orientierten Vertrauensforschung heranziehen. Im dritten Teil unseres Beitrags testen wir die alternativen Erklärungsansätze anhand von Daten des Eurobarometer (2010). Die Ergebnisse zeigen, dass Cueing-Prozesse und Performanzzuschreibungen einen nahezu gleich großen Einfluss auf das EU-Vertrauen ausüben, wobei der Einfluss von wahrgenommenen Performanzen etwas stärker zu sein scheint. Dieses Ergebnis widerspricht den Befunden früherer Studien und zeigt, dass die EU durchaus auch als eigenständiger politischer Akteur wahrgenommen und beurteilt wird.

 
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