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6.7.3 Lehramtsausbildung und Weiterbildung

Auch die Vorstellungen zur Lehramtsausbildung bzw. Weiterbildung von Wirtschaftslehrpersonen nahmen innerhalb der Vorstellungen der interviewten Wirtschaftslehrpersonen nur einen kleinen Teil ein, wobei weitaus mehr Vorstellungen zur Lehramtsausbildung als zur -weiterbildung im Bereich des Wirtschaftsunterrichts geäußert wurden. Dieses Ergebnis korrespondiert mit den schriftlichen Aussagen der Lehrpersonen im Begleitfragebogen, in dem nur sehr wenige und vor allem Gymnasiallehrpersonen angaben, im letzten Schuljahr an einer Weiterbildung teilgenommen zu haben, die Bezug zur ökonomischen Bildung hatte. Nur drei von insgesamt 15 Lehrpersonen sprachen im Interview das Thema Weiterbildung an. Eine Lehrperson äußerte, dass Politik-Wirtschafts-Lehrpersonen, die einen Schwerpunkt auf den Bereich „Politik“ legen, Weiterbildung im Bereich der ökonomischen Bildung ignorieren würden [1]. Die beiden anderen Lehrpersonen konstatierten, dass Fortbildung im Bereich „Wirtschaft“ aufgrund hoher Arbeitsbelastung zu kurz kommen würde [2]. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Thema Weiterbildung keine große Rolle zu spielen scheint.

Zur Ausbildung von Wirtschaftslehrpersonen wurden hingegen bedeutend mehr Vorstellungen artikuliert. Die Lehrpersonen äußerten sich zum einen zu einem gegenwärtigen Bedarf an ausgebildeten Wirtschaftslehrpersonen [3] und eng damit zusammenhängend zu fachfremd erteiltem Unterricht im Bereich der ökonomischen Bildung [4]. So könne aufgrund eines Mangels an ausgebildeten Politik-WirtschaftsLehrpersonen an den Gymnasien „Politik-Wirtschaft“ teilweise nicht als viertes und fünftes Prüfungsfach bzw. „Wirtschaftslehre“ als Wahlpflichtfach in der Oberstufe angeboten werden [5]. Außerdem werde aus Sicht einiger Lehrpersonen der ökonomische Anteil im Rahmen von „Politik-Wirtschaft“ aufgrund der fehlenden ökonomischen Ausbildung von Lehrpersonen ausgeklammert [6], wie auch die folgende Interviewsequenz verdeutlicht:

Die Kollegen kommen häufig auch aus Unis, wo sie dieses Fach Wirtschaft nicht gehabt haben, sondern wenn sie Politik-Wirtschaft studiert haben und nur Politik gemacht haben. Hier in Stadt wird das jetzt anders aussehen. Aber es war so, dass die Wirtschaft nur so ein Anhängsel ist. Und die Politologie von sich aus schon sagt, das ist so eine Teildisziplin, neben der Soziologie und der Philosophie und allem, was man sonst noch dazunehmen kann. Und die Politikwissenschaftler als Königswissenschaft darstellt. Die Ökonomen sind da schon anders, dass die auch mal sagen können, wir haben eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der anderen Seite und die möchten wir auch betont sehen. Man kann jetzt natürlich, diese Diskussion bringt nicht viel mehr. Man muss ökonomisches Verständnis haben und soziologisch muss man sein Handwerkszeug beherrschen, man muss es auch in der Politikwissenschaft haben und man muss es auch in der Ökonomie haben. Das neue Benennen das ist völlig sekundär. Aber entscheidend ist aber nur, dass diese Kenntnisse des Ökonomischen auch vorhanden sein müssten und das ist eigentlich in der Schule nicht ganz so ausgeprägt. Ich führe es darauf zurück, dass der Staat, also die Leute sind Beamte, wo die meisten auch nicht sehen, dass die Wirtschaft der Bereich ist, der das Schulsystem auch zu finanzieren vermag. Ohne die Wirtschaft hätten wir ja gar nicht solche Ausstattungen. Ich glaube, viele machen sich das Leben auch einfacher, dass sie einfach sagen, ich habe das nicht studiert, also unterrichte ich das Fach nicht. Ich habe das zwar studiert, aber es war nie mein Gebiet. Es gibt auch einige, die

Politik-Wirtschaft fachfremd unterrichten, die sowieso nicht so ökonomieaffin eingestellt. Es fehlt so ein bisschen das Personal, das Personaltableau mit ökonomischen Kompetenzen, um das Fach inhaltsreich stark genug unterrichten zu können. (Interview XI, GYM)

Von einer weiteren Lehrperson wurde zu dieser Problematik angemerkt, dass die Politik-Wirtschaft-Fachschaften an den Schulen relativ klein seien und deshalb die Unterrichtsverantwortung der einzelnen Lehrpersonen relativ umfangreich [7]. Dies wurde auch von anderen Lehrpersonen, teilweise vor und nach den eigentlichen Interviews geäußert. Eng verknüpft mit der von den Lehrpersonen beschriebenen Problematik, es gebe zu wenig ausgebildete Wirtschaftslehrpersonen, ist das Feld des fachfremd erteilten Wirtschaftsunterrichts. Da Lehrpersonen im Integrationsfach am Gymnasium eher „Politik“ unterrichten würden [8] und fachfremde Lehrpersonen an Oberund Realschulen das Fach „Wirtschaft“ für Klassengeschäfte nutzen würden [9], sind aus Sicht der Lehrpersonen Gründe dafür, dass kein oder (zu) wenig „Wirtschaft“ unterrichtet werde. Diesen fachfremd unterrichtenden Lehrpersonen sprachen vor allem die ausgebildeten Lehrpersonen Wissen und Erfahrung im Bereich der ökonomischen Bildung ab. Als problematisch wurde in diesem Zusammenhang auch angeführt, dass Wirtschaftslehrpersonen, unabhängig davon, ob sie das Fach studiert hätten oder nicht, Erfahrung in der freien Wirtschaft fehle [10]: „Ganz hart ausgedrückt, viele Kollegen haben nie ein Vorstellungsgespräch gehabt.“ (Interview IV, OBS)

Als Gründe für fachfremden Unterricht sind aus Sicht der Lehrpersonen verschiedene Faktoren zu berücksichtigen: fachfremder Unterricht durch Lehrpersonen benachbarter Fächer wie „Geschichte“ oder „Erdkunde“ [11], Lehrpersonen ohne Fakultas, Lehrpersonen mit außerschulischer Erfahrung in der freien Wirtschaft oder Lehrpersonen, die das Fach bereits seit Langem unterrichten und dies weiter tun, auch wenn mittlerweile genügend studierte Wirtschaftslehrpersonen zur Verfügung stehen würden[12] . Die hinter diesen Phänomenen liegende Problematik wurde von den Lehrpersonen als eine Pfadabhängigkeit und Trägheit des Schulwesens beschrieben.

Auch zur ersten und zweiten Phase der Lehramtsausbildung von Wirtschaftslehrpersonen und dem Zusammenspiel dieser beiden Phasen wurden Vorstellungen geäußert. Eine Lehrperson, die auch in der Lehramtsausbildung tätig ist, befand es für problematisch, dass in der ersten und zweiten Phase der Lehramtsausbildung unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt würden und beide Phasen der Ausbildung ihrer Ansicht nach nicht ineinandergreifen würden [13]. In Bezug auf Studium und Referendariat äußerten Lehrpersonen, dass das Methodenrepertoire für ihren Wirtschaftsunterricht aus den beiden Ausbildungsphasen stammen würde [14], andere hingegen bemängeln die Praxisferne des Lehramtsstudiums [15] und dass das jeweilige Studium und das Referendariat sie nicht auf das Wirtschaftunterrichten [16]bzw. auf die Integration von „Politik“ und „Wirtschaft“ im Unterricht vorbereitet habe, wie auch eine junge Gymnasiallehrerin feststellt:

Auch, wenn in der Allgemeinheit immer gedacht wird, unterrichten kann ja jeder, merke ich, dass ich in Politik eine sehr gute Ausbildung genossen habe, gerade im Referendariat. Und, ja, in den letzten Jahren der Uni, da der Master ja auch eher fachspezifisch und fachwissenschaftlich ist, ich richte mich immer noch mehr unbewusst nach den Prinzipien. Aber ich habe keine für die Ökonomie. Und deswegen habe ich selber das Gefühl, dass mein Ökonomieunterricht schwammiger ist, nicht so klar. (Interview VI, GYM)

An diesem Interviewauszug und auch anderen in den Interviews geäußerten Vorstellungen der Lehrerin wird deutlich, dass sie die Vermittlung ökonomischer Inhalte und Kompetenzen für wichtig befand, sie sich aufgrund ihres stärkeren Interesses für politische und soziologische Zusammenhänge und ihr Studium jedoch nicht gut für den Unterricht in ökonomischer Bildung im Integrationsfach „PolitikWirtschaft“ gerüstet fühlt. Wie sie selbst beschrieb und reflektierte, wende sie deshalb beispielsweise auch in der Politikdidaktik gelerntes fachdidaktisches Wissen auf die Vermittlung ökonomischer Inhalte an.

  • [1] Vgl. Interview IX
  • [2] Vgl. Interview I, V
  • [3] Vgl. Interview V, VI, IX, X, XI, XV
  • [4] Vgl. Interview I, IV, V, VI, VII, VII, IX, XI, XII, XV
  • [5] Vgl. Interview
  • [6] Vgl. Interview VI, IX, XI
  • [7] Vgl. Interview XV
  • [8] Vgl. Interview VI, IX
  • [9] Vgl. Interview XII
  • [10] Vgl. Interview I, IV, VI, XI
  • [11] Vgl. Interview V, VIII, XV
  • [12] Vgl. Interview I, IV
  • [13] Vgl. Interview I
  • [14] Vgl. Interview XII, XIII, XIV
  • [15] Vgl. Interview I, II, IV
  • [16] Vgl. Interview VI, XII
 
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