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6.4.6 Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Die Auseinandersetzung mit ökonomischen Inhalten aus einer vorrangig europäischen, aber auch internationalen Perspektive ist für verschiedene Lehrpersonen im ökonomischen Unterricht wichtig. Dies wurde vor allem mit der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft begründet:

Also, ich versuche auch Schülern immer ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir jetzt in einer globalisierten vernetzten Welt leben und aus meiner Sicht ist es so, dass mittlerweile übernational Entscheidungen getroffen werden, die uns quasi hier in unserem kleinen Deutschland, in unserer Lebenswelt beeinflusst. Und die wie gesagt für Schüler schwer nachvollziehbar sind. Und das versuche ich den Schülern da zu vermitteln, welche Zusammenhänge es da gibt. (Interview VI, GYM)

In den von den Lehrpersonen geäußerten Vorstellungen zu internationalen Wirtschaftsbeziehungen wird deutlich, dass hier insbesondere die Begründungen für internationalen Handel (Kostenvorteile), aber auch Institutionenkunde (WTO [1], EU) im Vordergrund stehen [2]. Vor allem die Gymnasiallehrpersonen nahmen in den Interviews auf die Auseinandersetzung mit ökonomischen Theorien zum Freihandel und mit verschiedenen Arten von Kostenvorteilen Bezug [3] und betonten, dass ihnen die Auseinandersetzung mit der internationalen Dimension im Rahmen ihres Wirtschaftsunterrichts wichtig sei. Dies hebt eine Wirtschaftslehre-Lehrerin besonders hervor:

Und auch internationale Wirtschaftsbeziehungen finde ich mittlerweile ganz wichtig. Das machen wir in Jahrgang 9, da kommt so ein bisschen, kommen so ein paar Modelle und auch komparative und absolute Kostenvorteile, diese Dinge besprechen wir da. Und gerade jetzt, aus heutiger Sicht finde ich den Bereich eben auch inhaltlich ganz wichtig, das zu vermitteln. (Interview IX, GYM)

Dabei betonten v. a. die Politik-Wirtschafts-Lehrpersonen, dass insbesondere die „Schattenseiten“ der Globalisierung in ihrem Unterricht zum Thema gemacht würden [4]. Dies wird auch in der folgenden Äußerung eines Politik-Wirtschafts-Lehrers deutlich. Im Rahmen der Schilderung einer „Sternstunde“ seines Wirtschaftsunterrichts beschrieb er die handlungsorientierte Auseinandersetzung mit internationalem Handel im Rahmen eines Planspiels. In diesem übernahmen die Schülerinnen und Schüler auch die Rolle von Arbeiterinnen und Arbeitern in Entwicklungsländern und konnten so die Schattenseiten des internationalen Handels erleben:

Wir haben ein Planspiel gemacht zur Handyherstellung. Und es gab einen Produzenten in einem Industrieland und es gab Produzenten in einem Entwicklungsoder Schwellenland und die mussten quasi symbolisch Handys ausschneiden und bemalen. Und das ist entwickelt, glaube ich, von der Uni Münster oder so was. Und die Entwicklungslandproduzenten in Anführungsstrichen haben stumpfe Scheren bekommen, waren dafür aber mehr, konnten aber nicht so schnell arbeiten, weil sie eben nicht so gut ausgerüstet waren. Die Industrielandproduzenten hatten super Cutter und konnten das alles ganz fein ausschneiden, sodass es auch Unterschiede in den Qualitätsmerkmalen gab, Unterschiede in den verschiedenen Arbeitstempos und genau. Dann gab es quasi Zwischenhändler und Verkäufer an die Endkunden und dann musste gehandelt werden. Einige Schüler waren total fassungslos, weil sie sehr stark in diesen 90 Minuten gemerkt haben, wie zum Beispiel (…) unter welchem Druck man unter einer Preisbindung geraten kann, sind da ganz idealistisch rangegangen und haben dann dem Drittweltproduzenten viel zu hohe Preise gegeben aus einem guten Gewissen heraus. Sie waren dann aber total schnell pleite, weil sie gemerkt haben, sie kommen damit überhaupt nicht hin. Und das war eine Stunde, die hat uns Diskussionsstoff und Arbeitsstoff geliefert für fünf oder sechs Doppelstunden. Man konnte auf der einen Seite wirklich ganz gut wirklich da in den theoretischen Bereich reingehen. Also Preisbildung, Marktmechanismus und so weiter und so fort. Das war aber auch am Ende so, dass ich, glaube ich, mit dem Thema, auch wenn Ökonomie immer so ein bisschen verschrien ist als entweder vielleicht zu trocken oder vielleicht auch zu (…) instrumentalisierend. Also, das ist ja auch so ein Ruf, den es manchmal gibt in der ökonomischen Bildung, dass sie versucht unkritische Konsumenten oder Neoliberalisten heranzuziehen oder so. Das hat jeden berührt und jeden betroffen und das war total schön. Also, das war, glaube ich, so eine Stunde, die ein Impuls für einen ganz langen und ganz wichtigen Prozess war. (Interview X, GYM)

Der Lehrer beschrieb diese Erfahrung aus dem Planspiel als für den Lernprozess zum internationalen Handel fundamental und erläuterte, dass sich anhand dieser Erfahrung auch theoretische ökonomische Zusammenhänge wie Preisbildung und Marktmechanismus lernen ließen. Aus fachdidaktischer Sicht ergeben sich an dieser Stelle Anschlussfragen. Beispielsweise lässt sich nicht nachvollziehen, wie von der Einnahme einer Perspektive auf der Mikroebene ausgehend die Preisbildung auf Märkten erläutert bzw. erlernt werden kann.

Neben der Auseinandersetzung mit Globalisierung äußerten verschiedene Wirtschaftslehrpersonen an allen drei Schulformen, dass ihnen die Auseinandersetzung mit europäischen Themen im Wirtschaftsunterricht besonders wichtig sei [5]. Als ökonomische Inhalte mit besonderem europäischem Bezug wurden von den Wirtschaftslehrpersonen die Beschäftigung mit der Wirtschaftsund Finanzkrise, der Euro, aber auch Freizügigkeit und Zuwanderung als für den Wirtschaftsunterricht relevante Themen benannt.

6.4.7 Ökonomie und Ökologie sowie Wirtschaft vor Ort

Lehrervorstellungen zu Inhalten des Wirtschaftsunterrichts, die sich den Kategorien „Ökonomie und Ökologie“ und „Wirtschaft vor Ort“ bzw. Auseinandersetzung mit Wirtschaft im regionalen Wirtschaftsraum zuordnen lassen, nahmen in den Interviews eine im Vergleich zu den anderen Inhaltsfeldern eher marginale Rolle ein. Deshalb werden sie in diesem Kapitel zusammengefasst dargestellt.

Vor allem einzelne Lehrpersonen an Gymnasien äußerten, dass ihnen die Themen Nachhaltigkeit und in diesem Zusammenhang Konsumkritik für ökonomisches Handeln und ökonomische Bildung besonders wichtig seien [6]. Wirtschaftliche Folgen ökonomischen Handelns wurden außerdem vereinzelt als Thema des Wirtschaftsunterrichts genannt [7]. Ähnlich ist es mit der Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen Bedingungen „vor Ort“, auf die die Lehrpersonen als Thema des Wirtschaftsunterrichts nur am Rande eingingen [8]. Wie in der Auseinandersetzung mit der Perspektive des privaten Haushalts wird die Beschäftigung mit dem ökonomischen Nahraum eher als Thema des ökonomischen Anfangsunterrichts gesehen, an dem sich grundsätzliche Einsichten „im Kleinen“ vermitteln lassen würden. Nur wenige Lehrpersonen beschrieben Themen wie die Folge wirtschaftspolitischer Entscheidungen vor Ort, wirtschaftliche Konjunktur vor Ort [9] oder Strukturwandel in der Region als Inhalte des Wirtschaftsunterrichts [10].

  • [1] WTO = World Trade Organization
  • [2] Vgl. Interview I, IX, V, VI, VII, IX, X, XI, XII, XIII, XV
  • [3] Vgl. Interview VI, IX, XI, XV
  • [4] Vgl. v. a. Interview X, XV
  • [5] Vgl. Interview I, V, VII, X, XII, XIII
  • [6] Vgl. Interview X, XV
  • [7] Vgl. Interview XIII
  • [8] Vgl. Interview IV, VI, VIII, XI, XII, XIV
  • [9] Vgl. Interview VI, XII
  • [10] Vgl. Interview VIII
 
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