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6.4.1 Staat: Wirtschaftsordnung und -politik

Im Zentrum der Vorstellungen zu Inhalten des Wirtschaftsunterrichts stehen ökonomische Themen, die sich in der Hauptkategorie „Staat: Wirtschaftsordnung und -politik“ zusammenfassen lassen. Dieser Inhaltsbereich spielte insbesondere für die Politik-Wirtschafts-Lehrpersonen an den Gymnasien eine wichtige Rolle, ist aber auch für die Wirtschaftslehrpersonen an Oberund Realschulen wichtig. Lehrpersonen an allen Schulformen äußerten sich dezidiert und ausführlich zu diesem Inhaltsbereich und nannten häufig Vorstellungen, die sich diesem zuordenen ließen als Erstes [1]. Vor allem die Auseinandersetzung mit der Wirtschaftsordnung der sozialen Marktwirtschaft ist aus Sicht der Lehrpersonen ein zentraler Inhaltsbereich des Wirtschaftsunterrichts [2]. Soziale Sicherung und das Sozialversicherungssystem [3] , der Umgang mit individuellen und gesellschaftlichen Problemen, wie Arbeitslosigkeit [4] , aber auch die Frage der Verteilungsgerechtigkeit [5] sind Inhalte, die die Lehrpersonen vor allem im Fach „Politik-Wirtschaft“ als besonders für die ökonomische Bildung bedeutsam beschrieben. Eng damit zusammen hängen Themen wie wirtschaftspolitische Eingriffe des Staates [6] oder einzelne Politikfelder mit hohem ökonomischem Bezug, wie beispielweise die Energiepolitik [7].

Wie auch in dem folgenden Auszug aus einem Interview mit einer Wirtschaftslehrerin an einer Realschule deutlich wird, spielte die gesamtgesellschaftliche Perspektive für die Lehrpersonen eine hervorgehobene Rolle. Im folgenden Interviewauszug wird darüber hinaus deutlich, dass aus Sicht der Lehrpersonen vor allem im Wirtschaft-Politik-Unterricht die Auseinandersetzung mit ökonomischen Inhalten durch die politische Perspektive gewissermaßen kompensiert werden müsse. Dies wurde von den Lehrpersonen damit begründet, dass die politische im Gegensatz zur ökonomischen Sichtweise eher gesellschaftliche Belange berücksichtigen würde bzw. die politische Bildung anders als die ökonomische Bildung gemeinwohlorientiert sei:

Ja, was vielleicht noch immer wichtig ist, dass man vielleicht das auch mit diesen sozialen Bereichen so verknüpft, dass man diesen Wirtschaftunterricht nicht so verkopft macht, dass man sagt, das sind alles so diese Fakten und das ist diese konsumorientierte Welt, sondern dass man auch so ein bisschen auf diese sozialen Probleme schaut. In der sozialen Marktwirtschaft oder ob das auch jetzt um eine Bundestagswahl geht. Das sie da auch immer einen Blick drauf haben. (Interview XII, GYM)

In Äußerungen wie dieser wird erneut eine gewisse Skepsis gegenüber dem eigenen Fach deutlich. Ähnliche Vorstellungen wurden besipielsweise auch zum Inhaltsfeld internationale Wirtschaftsbeziehungen und hier vor allem im Hinblick auf Globalisierung geäußert (vgl. Kapitel 6.4.6). Im Kontrast hierzu stellte eine Politik-Wirtschafts-Lehrerin, die außerdem das Fach Wirtschaftslehre unterrichtet, heraus, dass es ihr neben der sozialen Dimension auch darauf ankomme, die zentrale Funktion des Marktes für die Wirtschaftsordnung der sozialen Marktwirtschaft zu vermitteln:

Wichtig ist mir, den dritten Punkt darf ich ja noch nennen, ist mir eigentlich auch der Begriff der sozialen Marktwirtschaft und dass es eine Marktwirtschaft ist, also, dass man nicht alles vom Sozialen her denken kann, sondern dass als Unternehmen an Märkten bestehen müssen und. Ich mache also aber auch immer am ganz praktischen Beispiel Sozialversicherungssysteme, was habe ich für Abzüge vom Lohn usw., um diese soziale Marktwirtschaft im Praktischen zu verdeutlichen. (Interview V, GYM)

In dieser Vorstellung wird deutlich, dass die Lehrperson es für wesentlich hielt, die zentrale Bedeutung des marktwirtschaftlichen Prinzips für die Wirtschaftsordnung zu vermitteln und sich auch aus der Sicht von einzelnen Akteuren mit den Folgen dieser Rahmenbedingungen zu beschäftigen. Diese Sichtweise ist jedoch als Ausnahme zu bezeichnen. Der Markt spielt zwar auch in den Vorstellungen der anderen Lehrpersonen als Gegenstand des Wirtschaftsunterrichts eine wichtige Rolle [8], hierbei standen aber vor allem die Funktionsweise von Märkten im Allgemeinen (Preisbildung) [9] und einzelne Märkte (z. B. die Börse) und ihre Besonderheiten im Vordergrund [10]. Die gesellschaftliche Bedeutung von Märkten wurde jedoch nicht berücksichtigt.

Deutlich wird, dass die von den Lehrpersonen skizzierte Perspektive auf Märke eher als Mikrodenn als Makroperspektive zu beschreiben ist, da weniger die gesellschaftliche Funktion von Märkten als deren Funktionieren im Einzelnen im Fokus stand. Vor allem im Hinblick auf die gymnasiale Oberstufe nahm die Auseinandersetzung mit „Markt und Staat“ und unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Themen einen großen Raum innerhalb der Interviews ein. Dies wird auch in der folgenden Äußerung eines Politik-Wirtschafts-Lehrers ersichtlich.

[...] Naja, sie sollten halt Texte, in denen es um Wirtschaft geht, natürlich verstehen und sie sollten auch immer erkennen, dass hinter jeder Entscheidung, politischen Entscheidung auch Wirtschaft, wirtschaftspolitisch ein Konzept steht. Also meinetwegen Verteil-, Gerechtigkeit oder Markt, wie viel Markt? Diese Dinge. Also man sollte dahinterblicken, das sollten sie gelernt haben. (…) Ja, das wird ja auch in der Oberstufe gemacht. Wirtschaftsordnung und Wirtschaftsmodelle (…) Natürlich auch, dass die im politischen Raum diskutiert werden. Haben wir jetzt bei der Wahl schön rausgearbeitet in unserem Buch. Der eine Sozialstaat, ein Text sagt, wir haben zu viel Sozialstaat, die Faulen werden bestraft, nein belohnt. Sind FDP-Positionen oder soziale Marktwirtschaft. Neue Initiative und ein anderer Text eben aus der anderen Gewerkschaft und das haben wir eben verglichen und da haben die gut auch zuordnen können. (Interview VII, GYM)

Vorstellungen wie diese zeigen, dass insbesondere das Themenfeld „Wirtschaftsordnung und -politik“ aufgrund seines ökonomischpolitischen Doppelcharakters den zum Großteil als Politiklehrerinnen und -lehrer ausgebildeten Politik-Wirtschafts-Lehrpersonen nahe war.

Konjunktur [11] und Strukturwandel [12] sind weitere Inhalte, die die Lehrpersonen als relevant erachteten, wobei auch die Bedeutung dieses Inhalts mit einem besseren Verständnis ökonomischer Zusammenhänge beim Medienkonsum begründet wurden:

Also, ich denke so Konjunkturverlauf, weil das ja wirklich so eine auch immer wieder da in den Medien auftaucht und das quasi auch behandelt wird und das auch so große Auswirkungen hat. Was sind Aufschwung, Abschwung und Rezession oder (…) da stocken dann schon ein paar Schüler, die sich das nicht erklären können (…). (Interview VIII, GYM)

Für die Politik-Wirtschafts-Lehrpersonen ist die Wirtschaftsund Finanzkrise darüber hinaus ein Thema, welches sie als besonders relevant für den Wirtschaftsunterricht erachteten [13]. Sie beschrieben dieses Thema zwar als für die Schülerinnen und Schüler komplex, gleichzeitig betonten sie aber auch, dass die Auseinandersetzung mit diesem aktuellen Thema Schülerinnen und Schüler motivieren würde. Dies wird auch in der folgenden Äußerung einer PolitikWirtschafts-Lehrerin deutlich:

Wobei ich auch sagen muss, als ich die Wirtschaftskrise als Thema im Leistungskurs auf dem Tisch hatte, das war auch ein Thema, was die Schüler auch interessiert hat. Das war was, wo ich gemerkt habe, da war auch, durch das große Interesse haben die sich mehr informiert und sich mehr Wissen auch angelesen. (Interview VI, GYM)

Auch dieses Beispiel zeigt erneut, dass das Motivationspotenzial, welches die Lehrpersonen einzelnen Inhalten zusprechen, als ein didaktisches Auswahlkriterium für Unterrichtsinhalte angeführt wurde.

  • [1] Vgl. Interview I, II, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV
  • [2] Vgl. Interview I, V, VII, VIII, X, XII, XV
  • [3] Vgl. Interview I, II, V, VII, XIV, XV
  • [4] Vgl. Interview XII
  • [5] Vgl. Interview VII, XII, XV
  • [6] Vgl. Interview XV
  • [7] Vgl. Interview V
  • [8] Vgl. Interview IV, IX, V, VI, VII, VIII, IX, X, XIV, XV
  • [9] Vgl. Interview V, X, XV
  • [10] Vgl. Interview VI, IX, XIV
  • [11] Vgl. Interview VIII, XIII
  • [12] Vgl. Interview VII, VIII, XIV, XV
  • [13] Vgl. Interview V, VI, IX, XI
 
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