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2.3.3 Klassifikation Markttechnischer Handelssysteme

Im Folgenden sollen die unterschiedlichen Arten Markttechnischer Handelssysteme vorgestellt werden. Es sei gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass sich die nachfolgende Klassifikation in den Grundzügen auf die Einteilung nach Schwager stützt, wie er sie im Jahr 1995 in seinem Buch Technical Analysis niederschrieb. Zwar schreibt Schwager im einleitenden Text des betreffenden Kapitels sinngemäß, dass seine Einteilung eine subjektive sei[1], allerdings gilt diese Publikation als eine der Referenzwerke zum Thema und wird mittlerweile als gängige Einteilung so zitiert.

2.3.3.1 Trendfolgesysteme

Trendfolgesysteme agieren nach dem Prinzip, dass sie eine bestimmte Kursbewegung abwarten und anschließend eine Position in diejenige Richtung eröffnen, in welche sich der Annahme der Technischen Indikatoren nach der Trend fortsetzen wird[2]. Ihre Anwendung lässt sich in zwei Hauptmethoden einteilen, zum einen in Systeme auf der Basis gleitender Durchschnitte, zum anderen in Systeme, welche sich Kursausbrüche zu Nutze machen, wenngleich es eine Vielzahl möglicher Handelsansätze gibt, die beide Methoden miteinander kombinieren. Den genannten Ansätzen ist gemein, dass es ihnen nicht möglich ist, in der Nähe von Hochoder Tiefpunkten eines Trends eine Einstiegsbeziehungsweise Ausstiegsorder zu generieren, weil es definitionsgemäß erst einer deutlichen Bewegung bedarf, um einen Trend zu identifizieren und an ihm zu partizipieren. Insofern kann als negatives Charakteristikum von Trendfolgesystemen angeführt werden, dass sie stets den ersten Teil einer Kursbewegung verpassen und damit auch erste mögliche Buchgewinne verstreichen lassen, zum anderen verzögert sich auch stets eine Ausstiegsorder in Folge einer Trendumkehrung, sodass bereits bestehende Buchgewinne zwangsläufig wieder abgegeben werden. Das Maß an Verzögerung lässt sich zwar durch eine höhere Sensitivität der Technischen Indikatoren abmildern, allerdings steigt damit auch das Risiko eines erhöhten Aufkommens von Fehlsignalen, weil die Filterwirkung bei schnellen Indikatorparametern herabgesetzt ist. Auf den Mechanismus zwischen Sensitivität und Sicherheit wurde aber bereits im Gliederungspunkt 2.1.3. hingewiesen. Dieser Spagat kann von keiner standardisierten Einstellung bewerkstelligt werden, sodass jeder Trader nach genauer Beobachtung seines Zielmarktes eine für sich optimale Kalibrierung finden muss, welche durch die dynamischen Veränderungen und individuellen Gegebenheiten eines jeden Marktes nach einer gewissen Zeit erneut angepasst werden müssen. Zu den Stärken der Trendfolgesysteme gehört, dass sie einem einfachen Prinzip folgen und wenig Interpretationsspielraum offen lassen. Demzufolge ist auch ihre Konstruktion zumeist wenig komplex, was ihre große Beliebtheit unter Praktikern erklärt, da bei ihnen der so genannte KISS-Grundsatz für Handelssysteme gewahrt bleibt[3].

2.3.3.1.1 Systeme mit gleitenden Durchschnitten

Auf die grundlegenden Charakteristika des gleitenden Durchschnittes wurde bereits im Gliederungspunkt 2.3.1. kurz eingegangen. Ein gleitender Durchschnitt ist prinzipiell als arithmetisches Mittel einer gegebenen Anzahl von n Kursen zu verstehen, wobei unterschieden werden kann nach der Art der verwendeten Kurse [Schlusskurse, Eröffnungskurse, Maxima, Minima, et cetera] und ob gegebenenfalls eine Gewichtung integriert ist, welche neuere Kurse gegenüber älteren im Ergebnis stärker berücksichtigt, wie dies zum Beispiel beim Linearly Weighted Moving Average [LWMA] oder beim Exponentially Weighted Moving Average [EWMA][4] der Fall ist. Als „gleitend“ wird hierbei das Merkmal bezeichnet, dass bei der Berechnung der n berücksichtigten Perioden jeweils der letzte Kurs zugunsten des neuesten herausfällt. Auf genannte Technische Indikatoren soll aber an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Ein Handelssignal wird bei den Schnittpunkten der Linien gegeben, wobei ein Kaufsignal beim Kreuzen der schnelleren mit der langsamen von unten nach oben erfolgt, oder analog ein Verkaufssignal beim Kreuzen von oben nach unten. Dieses Prinzip der Signalgabe, und damit der Orderausführung, bleibt stets gegeben, egal ob ein Gleitender Durchschnitt über einen Basiskurs, oder zwei/mehrere unterschiedlich schnelle Gleitende Durchschnitte übereinander gelegt werden. Die nachfolgende Abbildung gibt zu Demonstrationszwecken ohne Eingehen auf das konkrete Ergebnis ein Handelssystem auf Basis zweier unterschiedlich schneller einfacher gleitender Durchschnitte wieder, wobei die Schnittpunkte der Orderausführung mit farbigen Pfeilen separat gekennzeichnet sind.

Abbildung 6: Trendfolgesystem mit zwei Simple Moving Averages [SMA] über EUR/USD [eigene Darstellung, erstellt mit Free Trading Software Meta Trader 4]

Es ist gut erkennbar, dass der schnellere gleitende Durchschnitt mit weniger zu Grunde liegenden Perioden den langsameren in Bezug auf die Volatilität übertrifft und er dem Verlauf des Basiskurses enger folgt als sein langsameres Pendant, was sich vor allem in der geringeren Verzögerung bei der Ausprägung der Extrempunkte zeigt. Im Gegenzug zeigt der langsamere gleitende Durchschnitt das deutlich glattere Verlaufsmuster. Weil der schnellere gleitende Durchschnitt für die Signalgabe verantwortlich ist, wird er auch als Trigger [= Auslöser] bezeichnet.

2.3.3.1.2 Kursausbruchssysteme [Break-Out-Systeme]

Kursausbruchssysteme zeichnen sich durch den simplen Ansatz aus, dass ein Trend durch einen Anfangs- und einen Endpunkt gekennzeichnet ist. Demzufolge kann es sich bei einer Bewegung nur um einen Trend handeln, wenn nach Kurskorrekturen immer neue Extrempunkte in der dominierenden Richtung erreicht werden, welche die alten betragsmäßig übertreffen. Wenn allerdings nach Gegenbewegungen innerhalb eines definierten Intervalls von n Perioden der globale Extrempunkt von einem betragsmäßig höheren Minimum/Maximum nicht übertroffen sein sollte, geht ein Kursausbruchssystem von einer Trendumkehrung aus und eröffnet eine Position in die Gegenrichtung [5]. Je weniger Perioden in die Berechnung mit einbezogen werden, umso sensitiver agiert das Kursausbruchssystem und löst demzufolge mehr Orders aus. Zudem haben reine Systeme auf dieser Datengrundlage auch die Eigenschaft, dass sie gänzlich auf den Einsatz Technischer Indikatoren verzichten können, wodurch sie auf Grund ihrer evidenten konstruktionstechnischen Einfachheit innerhalb der Markttechnischen Handelssysteme auffallen. Handelssignale werden derart generiert, dass CD eine Long-Position dadurch eingegangen wird, dass ein Schlusskurs oberhalb des Hochs von vor n Perioden liegt, beziehungsweise (?) eine Short-Position dann eröffnet wird, wenn ein Schlusskurs unterhalb des Tiefs von vor n Perioden vorliegt. Zur Verdeutlichung eben gemachter Ausführungen soll die folgende Abbildung als Demonstrationsbeispiel das bekannteste Kursausbruchssystem, nämlich das Turtle Trading-System auf der Basis von n = 20 Tagen, dienen.

Abbildung 7: Kursausbruchssystem Turtle mit n = 20 Tagen über EUR/USD [eigene Darstellung, erstellt mit Free Trading Software Meta Trader 4]

In Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Konstruktion können diese Systeme nicht nur unter Trendfolgesysteme sondern im engeren Sinne auch unter so genannte Pullback-Systeme subsumiert werden. Diese Kategorie meint an sich keine eigenständige Gruppe von Handelssystemen, sondern sie bezieht sich lediglich auf ihre Funktionsweise, die sich derart gestaltet, dass sie infolge außergewöhnlicher Kursbewegungen eine Korrektur erwarten und durch Auslösen einer Order in die Gegenrichtung an dieser partizipieren wollen. Da diese Kurskorrektur einem Rückzug aus der ursprünglich dominanten Richtung gleicht, wird sie eben auch als Pullback bezeichnet. Eines der bekanntesten Systeme dieser Art ist das „TurtleSoup-System“ [Schildkröten-Suppen-System], welches sich aus oben stehendem Turtle heraus entwickelte und auf eine Gegenbewegung zum Turtle setzt. An dieser Stelle soll darauf aber nicht näher eingegangen werden.

2.3.3.1.3 Zwischenfazit Trendfolgesysteme

Nach erfolgter Vorstellung der beiden Haupttypen von Trendfolgesystemen, sollte zusammenfassend ein kurzes Resümee gezogen werden, worin deren grundsätzliche Vor- und Nachteile zu sehen sind. Trendfolgesysteme sind in der Lage, bei Vorliegen einer deutlichen Trendbewegung und ausreichender Sensitivität an dieser zu partizipieren und gegebenenfalls beträchtliche Buchgewinne zu realisieren. Auch wenn sich diese Eigenschaft schon aus ihrem Namen ergibt, so ist sie essentiell. Ihre Konstruktion ist verhältnismäßig einfach und lässt sich den Anforderungen des Traders entsprechend sehr vielfältig gestalten. Sie erfreuen sich aus diesem Grund großer Beliebtheit und sind weit verbreitet im Einsatz, was mitunter dazu führt, dass die Fülle annähernd gleich lautender Orders – insbesondere bei standardisierten Parametereinstellungen – in Abhängigkeit vom jeweiligen Marktvolumen tatsächlich zur gewünschten Marktbewegung führt[6]. Dem gegenüber steht die Unfähigkeit dieser Systeme, in trendlosen Seitwärtsphasen rentabel zu agieren. In Zeiten hoher Marktvolatilität bringen sie gehäuft Fehlsignale hervor, was auch unter dem Blickwinkel der Transaktionskosten eine potentielle Gefahr für jede Margin darstellt. Liegt hingegen ein deutlicher Trend vor, der allerdings von einem wenig sensitiven Trendfolgesystem genutzt wird, ist davon auszugehen, dass große Teile des Buchgewinns wieder aufgegeben werden, weil das Ausstiegssignal mit großer Verzögerung weit in der Kurskonsolidierung erfolgt. Selbiges gilt für sehr spät gegebene Entry-Signale in den Markt, sodass wesentliche Anfangsabschnitte eines Trends ungenutzt verstreichen. Dieser Problematik kann zwar mit einer Parameterkalibrierung begegnet werden, die eine erhöhte Sensitivität nach sich zieht, dann allerdings erhöht sich insbesondere in trendlosen Phasen das Aufkommen von Fehlsignalen. Trendfolgesysteme zeichnen sich deswegen durch den Wechsel von langen Verlust- und kurzen Gewinnintervallen aus[7]. Die Margin eines auf solchen Systemen basierenden Portefeuilles ist großen Schwankungen ausgesetzt und ihre Rentabilität liegt einzig in der Realisierung vereinzelter aber dafür betragshoher Trendbewegungen begründet. Aus diesem Grund verlangen sie dem Trader eine hohe Selbstdisziplin ab, das System auch in Verlustphasen am Markt zu belassen, wodurch sie sich vor allem für langfristiges Engagement – bezogen auf das betrachtete Handelsintervall – eignen. Auf die Notwendigkeit eines konsistenten Handelsansatzes wurde bereits im Unterpunkt 2.3.2.1. hingewiesen.

  • [1] Vgl. Schwager, Jack D.: Technical Analysis, Bognor Regis [West Sussex], 1995, Seite 597 ff.
  • [2] Vgl. Schwager, Jack D.: a.a.O., Seite 646.
  • [3] KISS ist ein Akronym für „Keep it simple, stupid“, vgl. Ross, J. / Cherlin, M.: AktienTrading, Band III, Hochheim/Main, 2008, Seite 166.
  • [4] Vgl. Montassér, Reza D.: a.a.O., Seite 100.
  • [5] Vgl. Börsen-Lexikon.com, URL: boersen-lexikon.com/index.-php?id=17,549,0 ,0,1,0, Stand: 25.10.2010.
  • [6] Vgl. Börsenbrief Trendfolgesysteme, URL: charttec.de/html/-ta_trendfolge systeme.php, Stand: 26.10.2010.
  • [7] Vgl. eBook „Automatisierter Handel“, Seite 7, URL: best-eas.com. Stand: 10.10.2010.
 
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