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2.1.2 Quantitativ analytische Handelssysteme

Handelssysteme, die auf der Grundlage der Quantitativen Analyse arbeiten, betreiben Zeitreihenanalysen fundamentaler Kapitalmarktdaten mit dem Ziel, interne Korrelationen, Autokorrelationen und externe Korrelationen, sowie andere statistische Auswertungen zu erhalten [1]. Genannt seien hier insbesondere Varianzen, Betas und Alphas. Ziel dieser Systeme ist es, Regeln und Gesetzmäßigkeiten am Kapitalmarkt bei der Preisbildung von Aktien und Indizes zu erkennen und diese wiederum in Handelssignalen zu verwerten. Nebenbei sei erwähnt, dass die Forschungsarbeiten der beiden Begründer dieser Analyse, Richard Roll und Stephen Ross, die Theorie des effizienten Kapitalmarktes von Markowitz widerlegten. Es zeigte sich, dass der Aktienkurs eben nicht ausschließlich durch Eskomptierung aller ihm immanenten Informationen erklärt werden kann[2]. Der große Vorteil dieser Systeme liegt darin, dass sie trotz Verwendung fundamentaler Daten aufgrund ihrer genormten statistischen Bildungsvorschriften zu exakten Ergebnissen kommen, die nur wenig Interpretationsspielraum offen lassen. Von Nachteil sind auch hier der nicht zu unterschätzende Rechercheaufwand der benötigten Daten und deren Validität, sowie die korrekte Überführung in statistische Formeln und anschließende Berechnung, was sich aber heutzutage durch die Nutzung einfach zu bedienender Software wieder relativiert. Auch ihre Ergebnisse können separat zur Erzeugung von Handelssignalen verwendet, oder mit jenen der Fundamentalen oder der Technischen Analyse kombiniert werden.

2.1.3 Technisch analytische Handelssysteme

Handelssysteme, die auf Prognosen der Technischen Analyse zurückgreifen, unterscheiden sich in der Form von den beiden zuletzt genannten Systemen, dass sie allein auf dem Kurs, respektive dem Kursverlauf einer Aktie/eines Indizes basieren und keinerlei Fundamentaldaten heranziehen [3]. Die als Dow-Theory – benannt nach ihrem Entwickler Charles Henry Dow, dem Mitbegründer des weltweit bekannt gewordenen Verlagshauses Dow & Jones Company – publik gewordene These, dass allein der Kurs, beziehungsweise der Kursverlauf einer Aktie/eines Indizes alle verfügbaren Marktinformationen diskontiert, und daher die Kenntnis weiterer fundamentaler Daten keinen Informationsvorsprung nach sich zieht, liegt diesem Ansatz zugrunde. Nebenbei sei vermerkt, dass die konzeptionelle Ähnlichkeit der Theorie effizienter Märkte nach Markowitz und der Dow Theorie an dieser Stelle mehr als evident ist, nur mit dem Unterschied, dass Dow den Preis – hervorgegangen aus dem Kursverlauf – als Datum versteht, während Markowitz unter anderem die Informationseffizienz als Ursprung des Preises betrachtet, weil im effizienten Kapitalmarkt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage jedem Marktteilnehmer bekannt ist. Kurzum, im Gegensatz zur Fundamentalanalyse, welche die Ursachen der Marktbewegungen studiert, untersucht die Technische Analyse ausschließlich deren Auswirkungen[4]. Handelssysteme auf Basis der Technischen Analyse agieren vor allem in den Sparten Charttechnik und Markttechnik, wenngleich der Vollständigkeit halber zur Technischen Analyse ebenso die Zyklentechnik und die Sentimenttechnik gehören[5]. Beiden Ansätzen ist gemein, dass sie versuchen, Trends zu identifizieren und an ihnen so lange zu partizipieren, bis sich ein Kurswechsel vollzieht, an welchem sie abermals zu partizipieren versuchen. Die Umsetzung unterscheidet sich allerdings in der Form, dass charttechnische Systeme direkt auf dem Kursverlauf arbeiten, indem sie häufig Unterstützungslinien generieren, um Trends überhaupt erkennbar zu machen, oder sie versuchen Trendumkehrungen anhand von Widerstandslinien zu prognostizieren, an welchen der Kurs wahrscheinlich abprallt [6]. Von besonderer Bedeutung sind ebenso Formationen, die aus Erfahrung heraus [vermeintlich] den Fortgang des Kurses prognostizieren helfen. Die nachfolgende Abbildung gibt zu Demonstrationszwecken eine charakteristische Charttechnik-Oberfläche wieder.

Abbildung 2: Beispiel Charttechnik-Oberfläche [EUR/USD mit Trendkanälen und Widerstandslinien, eigene Darstellung, erstellt mit Free Trading Software Meta Trader 4]

Der zweifellos größte Vorteil der Charttechnik besteht darin, dass im Vorfeld keinerlei Recherche betrieben werden muss, um für weiteres Vorgehen eine Datenlage zu schaffen, wie dies bei der Fundamentalanalyse unerlässlich ist. Heute verwendete professionelle [und zudem kostenlos erhältliche] Trading-Softwareprodukte halten ab Werk integriert sämtliche Chartdaten in permanent aktualisierten Online-Archiven vor, aus welchen der Trader nur noch auswählen muss. Zudem erfreut sich die Charttechnik so großer Beliebtheit, weil sie eben durch ihre graphische Visualisierung das ansonsten abstrakte numerische Marktgeschehen greifbar macht. Gleichfalls sind besondere Vorkenntnisse zur Ausführung der technischen Chartanalyse nicht obligatorisch – obgleich dringend empfehlenswert

–, weil sich auch ungeübten Tradern das Grundkonzept aus Trendkanälen und Widerstandslinien sowie gängiger Formationen schnell erschließt, wodurch sich Handlungssignale schnell und verwertbar generieren lassen. Es soll allerdings nicht verschwiegen werden, dass das Lesen von Charts völlig subjektiv ist, was gleichzeitig die größte Schwäche dieses Konzepts ist. Zum einen ist das Setzen unterstützender Linien völlig willkürlich und keinesfalls verallgemeinerungsfähig, zum anderen muss auch die Problematik betrachtet werden, dass sich auf Charts im Nachhinein mühelos derartige Linien und Formationen einzeichnen lassen; im laufenden Handelsbetrieb bilden sich die Kurse aber erst nach und nach heraus. Die oben stehende Abbildung 2 verdeutlicht die Problematik in der Kreuzung der beiden Trendkanäle: fand Anfang Juni 2010 im Wechselkurs Euro/US-Dollar eine Richtungsänderung von einem Abwärtshin zu einem Aufwärtstrend statt, oder handelt es sich um einen zwischenzeitlichen Aufwärtstrend, der allerdings noch immer in einem langfristigen Abwärtstrend eingebettet ist? Mit einigen Monaten Abstand wird sich diese Frage wahrscheinlich eindeutig beantworten lassen, aus der dargestellten Perspektive der Monate August und September – auch trotz theoretischer Nutzung weiterer in der Charttechnik üblichen Instrumente wie zum Beispiel Fibonacci-Bögen, Gann-Fächer, Cycle-Lines, et cetera – definitiv nicht.

Zum Vergleich zu obiger Abbildung 2 gibt die nun folgende Abbildung exemplarisch für identischen Kursverlauf eine Markttechnik-Oberfläche wieder.

Abbildung 3: Beispiel Markttechnik-Oberfläche [EUR/USD mit Trendfolger und drei Oszillatoren, eigene Darstellung, erstellt mit Free Trading Software Meta Trader 4]

Im Gegensatz zur technischen Chartanalyse verwendet die technische Marktanalyse keine graphischen Instrumente, um Handelssignale zu generieren, sondern sie stützt sich auf so genannte Technische Indikatoren. Darunter versteht man mathematische beziehungsweise statistische Kalkulationen auf der Grundlage von Kurs- und/oder Zeitreihen[7], welche in beliebiger Anzahl ein Handelssystem definieren können, abhängig von der Konstruktion des jeweiligen Systems. Trotz der Tatsache, dass es sich um Berechnungen handelt, lassen sich deren Ergebnisse graphisch und somit anschaulich in jeden beliebigen Chart integrieren.

Technische Indikatoren lassen sich in insgesamt fünf Gruppen einordnen, nämlich in CD Trendfolger, � Oszillatoren, @ Trendidentitätsindikatoren, ® Volumenindikatoren [arbeiten auf der Grundlage der Marktvolumina] und schließlich � Volatilitätsindikatoren [arbeiten auf der Grundlage der Marktschwankung][8]. An dieser Stelle soll auf keine der genannten Gruppen näher eingegangen werden, es sei aber vorgreifend vermerkt, dass insbesondere die Trendfolger und die Oszillatoren im Kontext der Handelssysteme die mit Abstand am meisten verwendeten und damit wichtigsten Technischen Indikatoren sind und deshalb im weiteren Fortgang der Untersuchung eine nähere Betrachtung erfahren werden.

Im Kontrast zur Technischen Chartanalyse, besteht der größte Vorteil der Technischen Marktanalyse darin, dass sie auf Grund der Nutzung valider Marktdaten – egal ob Kursoder Volumenreihen – eine Objektivierung der Handelssignalgenerierung vornimmt. Abhängig von der Parameterwahl der in einem Handelssystem eingebundenen Technischen Indikatoren, ist sicher gestellt, das punktgenau beim Zusammentreffen vordefinierter Bedingungen ein Handelssignal gegeben wird. Der beträchtliche subjektive Spielraum in der Verwendung von Kursdaten der Technischen Chartanalyse ist der Technischen Marktanalyse somit [weitestgehend] fremd, denn wie bereits oben erwähnt wurde, lassen sich Formationen oder Trendrichtungen erst im Nachhinein eindeutig identifizieren und somit unter Nutzung von Trendkanälen oder Unterstützungslinien einigermaßen objektiv in Handelssignale umwandeln. Dieser Aspekt ist auch unter psychologischen Gesichtspunkten für einen Trader von besonderer Bedeutung, denn auf Grund der mathematisch-objektiven Sachlage werden ihm gewissermaßen schwierige Entscheidungen abgenommen, wie beispielsweise das Beenden einer tief in der Verlustzone verhafteten Position oder das sichern von Gewinnen, die im Zuge einer Gegenbewegung schon wieder geschmolzen sind24. Das größte Hindernis der Markttechnik war über lange Zeit der mit ihr einher gehende hohe Rechenaufwand. Obgleich die ersten, heute noch in ihrer originären Form verwendeten Indikatoren schon in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, ermöglichte erst das erschwingliche Aufkommen leistungsfähiger EDV gegen Ende der 70er beziehungsweise Anfang der 80er Jahre desselben Jahrhunderts die schnelle Verarbeitung der komplexen Berechnungen[9]. Zudem bedurfte es auch der Sicherstellung einer aktuellen und damit schnellen Bereitstellung von Kursdaten, die erst das Internet mit sich brachte. Diese über lange Zeit bestehenden und nicht unerheblichen Nachteile sind aber aus heutiger Sicht obsolet. Nicht wegzudiskutieren sind hingegen die konzeptionellen Probleme der Markttechnik. Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass der Trader bei jeder Konzipierung eines Handelssystems – grundsätzlich unabhängig von der verwendeten Art der Technischen Indikatoren – einen Kompromiss finden muss zwischen Sensitivität und Sicherheit. Je höher die Sensitivität eines Handelssystems ist, desto schneller werden Handelssignale erzeugt, die den Trader in die Möglichkeit versetzen, am Markt zu partizipieren. Die Ein- und Ausstiegssignale werden demnach in kürzeren Intervallen gegeben, je sensitiver ein System ist, sodass „näher“ am Basiskurs agiert wird. Auf der anderen Seite entfällt mit zunehmender Sensitivität die Filterung von Fehlsignalen, die zu nicht unerheblichen Verlusten führen, weil nicht nur das Schmelzen der Margin [= für den Handel eingesetzter Kapitalstock] an sich zum Tragen kommt, sondern auch die Transaktionskosten berücksichtigt werden müssen. Je mehr Signale gegeben werden, umso höher fallen eben diese Gebühren aus, was sich bei mehreren hintereinander liegenden Fehltrades im schnellen Dezimieren des Einsatzes bemerkbar macht[10]. Verwendet der Trader dagegen ein Handelssystem mit niedriger Sensitivität, dann werden zwar infolge der geringeren Anzahl an Handelssignalen auch mehr Fehlsignale herausgefiltert und die Verluste somit minimiert. Diese Sicherheit wird aber sowohl mit einem späten Einstieg, als auch mit einem späten Ausstieg erkauft. Das heißt, dass ein Trader erst dann eine Position eröffnet, wenn die erhoffte Richtung schon weit fortgeschritten ist und damit die Opportunitätskosten in Folge des nicht realisierten Gewinns steigen, weil er eben nicht von Anfang an die Bewegung mitgenommen hat. Zusätzlich realisiert er auch noch reale Verluste, weil das Ausstiegssignal erst dann gegeben wird, wenn sich der Kurs weit in die Gegenrichtung entwickelt hat. Ein zweites oft unterschätztes Problem Markttechnischer Handelssysteme besteht darin, dass viele Trader dazu neigen, die Parameter ihres jeweiligen Systems zu überoptimieren. Gemeint ist folgendes Phänomen: hat ein Trader einen Markt auserkoren, auf welchem er handeln will, so zieht er sich konsequenterweise Vergangenheitsdaten heran, um sein System auf die Spezifika des jeweiligen Marktes zu kalibrieren. Nicht selten werden dabei die Einstellungen der Technischen Indikatoren so gewählt, dass zwar das System unter Verwendung der Vergangenheitsdaten des Testintervalls eine optimale Sensitivität erfährt und zu nahezu verlustfreien Trades führt, er aber im realen Handel verhältnismäßig große Verluste erleidet. Die Ursache liegt darin begründet, dass jeder Markt zu jeder Zeit seine individuelle Dynamik besitzt, die von zu eng gefassten Instrumenten nicht dargestellt werden kann, weil sie eben auf vergangene Werte ausgerichtet sind. Der Schein der mathematischen Präzision und der unbedingte Wille, ein nahezu perfektes Handelssystem zu entwickeln, erweisen sich im realen Betrieb nicht selten als Kapitalvernichtung[11]. Eine dritte Problematik kann darin bestehen, dass zwar auch Technische Indikatoren exakte Ergebnisse ermitteln, diese interpretatorisch aber von unterschiedlichen Perspektiven bewertet werden können. Genannt seien hier insbesondere die Signale der Bänderindikatoren[12]. Die spezifischen Charakteristika Markttechnischer Handelssysteme sollen aber an andere Stelle noch ausführlich betrachtet werden.

  • [1] Vgl. Monassér, Reza D.: a.a.O., Seite 17
  • [2] Vgl. Roll, R. / Ross, S.: An Investigation of the Arbitrage Pricing Theory. In: Journal of Finance, 1980, Band 35, Nr.5, Seite 1.073 – 1.103.
  • [3] Vgl. Murphy, John: Technische Analyse der Finanzmärkte, München, 2000, Seite 24
  • [4] Vgl. Gabler: Wirtschaftslexikon, Band 7, 16. Auflage, Wiesbaden, 2005, Seite 2.903.
  • [5] Vgl. Müller, Thomas / Nietzer, Harald: Das große Buch der Technischen Indikatoren, Rosenheim, 2000, Seite 20.
  • [6] Vgl. Sambul, Nathan J.: Der Charttechnik-Leitfaden, Rosenheim, 1999, Seite 39.
  • [7] Vgl. Paesler, Oliver: Technische Indikatoren – simplified, München, 2007, Seite 13.
  • [8] Vgl. Müller, Thomas / Lindner, Wolfgang: Das große Buch der Technischen Indikatoren, Rosenheim, 2007, Seite 21 ff.
  • [9] Vgl. Murphy, John: a.a.O., Seite 369.
  • [10] Vgl. Paesler, Oliver: a.a.O., Seite 36.
  • [11] Vgl. Schwager, Jack D.: a.a.O., Seite 661.
  • [12] Vgl. Müller, Thomas / Nietzer, Harald: a.a.O., Seite 47.
 
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