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5.1.2 Der Umgang mit Vorwissen und Offenheit

In der qualitativen Forschung zeichnet sich der Zugang zu einem zukünftigen Forschungsfeld dadurch aus, dass in der Regel keine Hypothesen vorab formuliert werden, die während des Forschungsprozesses überprüft werden sollen, und dass im Vergleich zu einer quantitativen Herangehensweise eine vergleichsweise geringe theoretische Vorbildung stattfindet (vgl. Meinefeld 2012, S. 266). Insbesondere galt dies für die nunmehr klassische qualitative Sozialforschung. Begründet wird diese Vorgehensweise u. a. damit, dass es bei qualitativer Forschung eben nicht darum gehe, vorab festgeschriebene Tatsachen zu überprüfen und einen möglichst hohen Grad an Offenheit im Prozess zu gewährleisten (ebd.). Offenheit ist im qualitativen Forschungsprozess nach Lamnek (2008 S. 21) als „Grundhaltung“ zu charakterisieren, die in dreifacher Weise gelte: als Haltung gegenüber den zu Untersuchenden, der Forschungssituation und den eingesetzten Methoden (vgl. ebd.).

Es lässt sich verschiedentlich begründen, warum es trotz dieses nach wie vor geltenden Anspruches der Offenheit an qualitative Forschung, der maßgeblich von Glaser und Strauß und im Zusammenhang der Grounded Theory geprägt wurde (vgl. u. a. Meinefeld 2012, S. 268), notwendig sein kann, davon abzuweichen. Zum einen kann forschungspragmatisch argumentiert werden, dass, weil man nur einen Ausschnitt der sozialen Realität in der Tiefe erforschen kann, eine Entscheidung für eine Spezifizierung des Forschungsprojekts bzw. der -fragen stattfinden muss. Diese sollte, wenn sie fundiert sein soll und an bereits bestehende Arbeiten anknüpfen will, theoriegeleitet vom Status quo des jeweiligen Forschungsfelds aus getroffen werden. Zum anderen lässt sich eine theoretische Vorbildung auch damit legitimieren, dass jede Art von Wahrnehmung, das bedeutet auch eine nicht explizit theoretisch vorgebildete, von Vorwissen und anderen die Wahrnehmung beeinflussenden kognitiven oder motivationalen Einflüssen geprägt ist (vgl. u. a. ebd., S. 271f.). Vorwissen verengt nicht nur die individuelle Sichtweise, sondern kann die individuelle Perspektive auch erweitern.

Dies beschreiben auch Witzel und Reiter (2012) für das problemzentrierte Interview und verdeutlichen dies anhand der Metapher des Forschenden als gut informiertem Reisenden („well-informed traveller“). Ein solcher stellt durch die Vorbereitung seiner (Forschungs-)Reise sicher, dass er nicht wesentliche Sehenswürdigkeiten verpasst und dabei dennoch offen für die Sichtweisen und Insiderinformation der Einheimischen ist (vgl. ebd., S. 2ff., 39). Vor allem für das problemzentrierte Interview ist die theoriegeleitete Vorabinformation nach Witzel und Reiter als wichtig anzusehen. Als Arten des Vorwissens benennen sie „everyday knowledge“, „contextual knowledge“, „research knowledge“ und „sensiting knowledge“ (ebd., S. 40ff.), wobei in dieser Arbeit, in der die Unterscheidung zwischen Wissen und Vorstellung von zentraler Relevanz ist, auch von Alltagsvorstellungen etc. gesprochen werden müsste. Nichtsdestotrotz sind all jene Wissensund Vorstellungsbereiche, beispielsweise im Rahmen dieser Studie zur gegenwärtigen Situation der Schulfächer, Kenntnis zur Lehramtsausbildung und Qualifizierung von Wirtschaftslehrpersonen, die in Kapitel 2.2 als Rahmenbedingungen von teachers' beliefs von Wirtschaftslehrpersonen erläutert wurden, als contextual knowledge von zentraler Relevanz für die Vorbereitung und Durchführung der Interviews mit den Lehrpersonen.

Witzel und Reiter betonen gleichzeitig, dass Vorwissen die Perspektive auch verengen kann (vgl. ebd., S. 40). In einer Arbeit, die sich mit den Vorstellungen von anderen beschäftigt, muss berücksichtigt und reflektiert werden, dass auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst Vorstellungen in den Forschungsprozess einbringen. Diese können ihre Herangehensweise, aber auch das Forschungsdesign oder die Gestaltung der Untersuchungsinstrumente beinflussen. Die Vorstellungen der Forschenden können und müssen nicht vollständig

negiert werden. Sie sollten aber im Sinne einer reflektierten Herangehensweise mitgedacht und reflektiert werden. Um weniger Vorstellungen, sondern vor allem durch wissenschaftliche Auseinandersetzung gewonnene Einsichten in den Forschungsprozess einzubringen, wurde in dieser Arbeit die theoretische Einarbeitung in das Forschungsfeld als wichtige Voraussetzung für eine fundierte Herangehensweise angesehen.

Auch innerhalb der qualitativen Forschung wird anerkannt, dass die Berücksichtigung des Forschungsstandes in dem jeweiligen Feld zur Vorbereitung einer qualitativen Studie als vorteilhaft für die Qualität der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und die Anknüpfbarkeit an den jeweiligen wissenschaftlichen Diskurs anzusehen ist (vgl. u. a. ebd., S. 43). Eine grundsätzlich offene Herangehensweise im methodischen Vorgehen und bei der Durchführung der Studie schließt eine theoretische Fundierung dabei nicht aus. Auch Meinefeld (2012, S. 272) konstatiert, dass das strukturiert erworbene Vorwissen und eine theoretische Annäherung an ein Forschungsfeld nicht notwendigerweise zur Folge haben müssen, im Erhebungsund Auswertungsprozess nicht mehr offen zu sein. Vielmehr kommt es hiernach darauf an, wie die Suche nach den neuen Bedeutungsinhalten methodisch gestaltet ist. Im vorliegenden Forschungsprojekt war die methodische Offenheit insbesondere bei der Gestaltung des Interviewdesigns und in besonderem Maße für die Durchführung der Interviews mit den Lehrpersonen von Relevanz. Hierfür galt, dass der Interviewleitfaden als Wegweiser dienen und den Lehrpersonen ausreichend Raum zur freien Äußerung ermöglicht werden sollte.

Im vorliegenden Projekt erfolgte eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Konstrukt der Vorstellung und dem Status quo der Vorstellungsforschung, bevor das Forschungsdesign und die -instrumente entwickelt wurden. Insbesondere, weil die Merkmale und Funktionen von beliefs direkten Einfluss darauf haben, wie diese erfasst werden können, wurde eine solche theoretische Auseinandersetzung als erforderlich angesehen. Auch um geeignete Gesprächsanlässe und Erzählstimuli für den Interviewleitfaden zu (er-)finden. Gleiches gilt für die Kenntnisnahme und Systematisierung des Status quo der Erforschung von teachers' beliefs und die Auseinandersetzung mit bisherigen Studien, an die die vorliegende Studie anknüpfen will, um Erkenntnisse zu Lehrervorstellungen in einer neuen Domäne, der ökonomischen Bildung, zu ermöglichen. Vor allem gilt dies aber für die intensive Auseinandersetzung mit dem theoretischen Referenzrahmen ökonomischer Bildung, der das fachdidaktische Fundament der vorliegenden Arbeit bildet.

Wie wichtig die theoretische Vorsensibilisierung und Vorabinformation für die Durchführung eines problemzentrierten Interviews ist, machen Witzel und Reiter (2012, S. 2ff.) mit ihrer Metapher des „well-informed traveller“ deutlich. Übertragen auf den Forschungsprozess bedeutet dies, dass eine Orientierung an bereits bestehenden wissenschaftlichen Ergebnissen unerlässlich ist, wenn die Forschungsergebnisse nicht isoliert stehen sollen. Die Prämisse der Offenheit gilt deshalb für die Erstellung des Interviewleitfadens und vor allem für die Durchführung der Interviews. Primat der Forschung sind die Beforschten, ihre Vorstellungen, Einwände und Ideen, und nicht der theoriegeleitet entwickelte Interviewleitfaden. Dieser sollte als eine Landkarte des Interviews verstanden werden und auf wesentliche Themen für das Lehren und Lernen im Wirtschaftsunterricht metaphorisch gesprochen wie auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Dabei vom Weg abzukommen und gemeinsam mit den Lehrpersonen Neues, nicht auf der (fachdidaktischen) Landkarte Verzeichnetes zu entdecken, war der Vorsatz, dem es im Prozess gerecht zu werden und den es einzulösen galt. Dabei sollte gleichzeitig eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen den Interviews erhalten bleiben und auch alle im Interviewleitfaden enthaltenen Themen in jedem Interview zur Sprache kommen. Beiden Ansprüchen gerecht zu werden, wurde als eine zentrale Herausforderung bei der Durchführung der Interviews angesehen.

 
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