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8.2 Schlussfolgerungen und Forschungsausblick

Table of Contents:

Die im vorigen Abschnitt dargestellten zentralen Ergebnisse der Untersuchung legen bestimmte Schlussfolgerungen für die Praxis der personenbezogenen Unterstützung der Fallmanager in der Grundsicherung, insbesondere im Hinblick auf die Ermöglichung des Gebrauchs der Eigenkräfte der arbeitsfähigen Bedürftigen und ihrer Wahrnehmung der Selbstorganisation, nahe:

• Sowohl die gesetzlichen und fachlichen Rahmenbedingungen des SGB II als auch mittelbar darauf bezogene empirische Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass die Fallmanager der Grundsicherungsträger die personenbezogene Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger mehr oder weniger strikt systemorientiert ausrichten und gestalten. Der Spielraum für die Entwicklung und den Gebrauch der Eigenkräfte und der Wahrnehmung der Selbstorganisation der Bedürftigen dürfte sich weitgehend innerhalb des durch die Grundsicherungsträger vorgegebenen Rahmens bewegen. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Spielräume mitunter erheblich zwischen den einzelnen Grundsicherungsträgern unterscheiden. Dabei ist zu vermuten, dass sich bei optierenden Grundsicherungsträgern eher Rahmenbedingungen für die Ermöglichung einer stärker klientenorientierten, die Eigenaktivitäten der Bedürftigen ermunternden und fördernden Praxis der personenbezogenen Unterstützung zeigen.

• Das von der Bundesagentur für Arbeit entwickelte und den Grundsicherungsträgern empfohlene fachliche Rahmenkonzept ‚Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement' eröffnet den Fallmanagern im Rahmen des durch den jeweiligen Grundsicherungsträger systemorientiert ausbuchstabierten Fachkonzeptes der personenbezogenen Unterstützung nur mehr oder weniger stark beschränkte und gebremste Möglichkeiten zur Entwicklung und zum Gebrauch der Eigenkräfte und der Selbstorganisation der arbeitsfähigen Bedürftigen.

Auf Grund des bei den optierenden Grundsicherungsträgern weniger stark gegebenen Verpflichtungscharakters zur Verankerung dieses Rahmenkonzeptes ist davon auszugehen, dass dort tendenziell größere Spielräume für eine Eigenbeteiligung der Bedürftigen möglich sind.

• Sowohl die Gestaltung des Rahmenkonzeptes ‚Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement' als auch empirische Forschungsergebnisse zur aktivierend ausgerichteten personenbezogenen Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger auf der Grundlage der Methode ‚Case Management' in der Sozialhilfe lassen vermuten, dass die Träger der Grundsicherung in durchaus unterschiedlicher Betonung und Färbung eine Unterstützung favorisieren, die in erster Linie auf die wirtschaftlichen Ziele der Grundsicherungsträger ausgerichtet ist, eine primär schnelle, jedoch nicht notwendig nachhaltige Vermittlung in den Arbeitsmarkt anstrebt, schwerpunktmäßig die Erwerbsarbeitsprobleme der Bedürftigen wahrnimmt und bearbeitet, eine tendenziell mitwirkungsorientierte Erwartung an das Verhalten und Handeln der Bedürftigen richtet und offen für die Androhung und auch den Einsatz von Zwangsmitteln, insbesondere der Kürzung von Geldleistungen, ist. Eine solche Ausrichtung und Ausgestaltung der personenbezogenen Unterstützung dürfte ein Beratungsklima schaffen, das nur in engen, durch den jeweiligen Grundsicherungsträger abgesteckten, Grenzen die Entwicklung und den Gebrauch der Eigenkräfte der Bedürftigen und ihre Wahrnehmung der Selbstorganisation fördert. Auf dieser Grundlage ist eher mit einer gebremsten, in Teilen sogar die Erschließung und Nutzung des Selbsthilfepotentials der Bedürftigen und die Mobilisierung ihrer Eigenverantwortung behindernden Unterstützung der Fallmanager zu rechnen. Dies dürfte vor allem auf jene Bedürftige zutreffen, die auf Grund ihrer Multiproblemsituation in besonderem Maße auf Unterstützung angewiesen sind.

• Empirische Studien zur aktivierend ausgerichteten personenbezogenen Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger in der Sozialhilfe, insbesondere die Arbeit von Reis u.a. und die Fallstudie Mülheim in dieser Untersuchung, lassen in Bezug zu den organisatorischen Rahmenbedingungen der Durchführung von personenbezogener Unterstützung in Einrichtungen der Grundsicherung vermuten, dass die Aufbauund Ablaufstruktur der Einrichtungen im allgemeinen und die der Fallmanagementkonzepte im besonderen nach einem bürokratischen Grundmuster gestaltet sind, das sich unterschiedlich strikt ausprägt und das Handeln der Fallmanager an bürokratische Leitlinien und Routinen koppelt. Die Einbettung der personenbezogenen Unterstützung in eine solche bürokratisch geprägte organisatorische Umwelt dürfte dazu führen, dass Fallmanager wie arbeitsfähige Bedürftige in erster Linie aufgefordert sind, sich nach vorgegebenen Regeln und Prozeduren zu bewegen und ihre Einhaltung sicher zu stellen. Eine solche strikt verfahrenskonforme Ausrichtung der personenbezogenen Unterstützung lässt erwarten, dass sowohl professionelle Impulse und Vorstellungen der Fallmanager als auch die Eigeninitiative der Bedürftigen und das Ausprobieren eigener Wege der Bearbeitung der Problemsituation gebremst, mitunter sogar erstickt werden.

• Der schwerpunktmäßige Einsatz von Sachbearbeitern als Fallmanager in Einrichtungen der Grundsicherung dürfte, so legen vergleichbare empirische Befunde aus der Sozialhilfe nahe, arbeitsfähige Bedürftige kaum zu ihrem Gebrauch der Eigenkräfte und der Wahrnehmung ihrer Selbstorganisation befähigen. Im Gegenteil: das an normativen Vorgaben orientierte und an der Erfüllung von Vorschriften geschulte Denken und Handeln der Sachbearbeiter dürfte zum einen die systembezogene Anwendung des Fallmanagements stützen und zum anderen eine standardisierte Handhabung der personenbezogenen Unterstützung begünstigen.

• Aber auch der Einsatz von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen birgt Risiken für die Nutzung der Eigenkräfte der arbeitsfähigen Bedürftigen in Einrichtungen der Grundsicherung, wie in dieser Untersuchung die Forschungsbefunde zur Fallstudie Mülheim illustrieren: insbesondere dann, wenn solche Fallmanager die aktivierende Unterstützung expertenlastig praktizieren.

Sowohl aus den Schlussfolgerungen wie aus den Fallstudien der Untersuchung lassen sich Impulse für die weitere empirische Forschungsarbeit im Bereich der personenbezogenen Unterstützung arbeitsfähiger Bedürftiger in der Grundsicherung ableiten. Diese Impulse reichen von der Bearbeitung als dringlich eingestufter Forschungsthemen, über methodische Fragen zur Erfassung von Unterstützungsprozessen, bis hin zur Forderung der stärkeren Berücksichtigung eines praxisaffinen Forschungsansatzes:

• Forschungsthemen

Um die empirische Relevanz der Schlussfolgerungen dieser Untersuchung beurteilen zu können, müssten in Bezug zur Ermöglichung der Entwicklung und des Gebrauchs von Selbststeuerungspotentialen der arbeitsfähigen Bedürftigen die Praxis der personenbezogenen Unterstützung der Fallmanager in der Grundsicherung untersucht werden. Dazu liegen jedoch bislang keine expliziten empirischen Arbeiten vor. Über eine qualitativ ausgerichtete Studie könnten dazu aktuelle und differenzierte Einblicke in die aktivierende Unterstützungspraxis von Fallmanagern unter spezifischen lokalstaatlichen Rahmenbedingungen und in Bezug zu unterschiedlichen fachlichen und organisatorischen Settingbedingungen von Grundsicherungseinrichtungen gewonnen werden. Dabei sollte der Unterstützungsprozess von Bedürftigen mit mehreren Hemmnissen bzw. einer ungünstigen Erwerbsprognose ein Schwerpunkt der Untersuchung sein. Ansatzpunkte und Anregungen für eine solche Untersuchung dürften die Konzeptstudie von Baethge-Kinsky u.a. aus dem Jahre 2006, die Forschungsarbeit von Kolbe und Reis aus dem Jahre 2008 und die Studien von Ludwig-Mayerhofer u.a. aus dem Jahre 2009, sowie insbesondere die Studien von Schütz u.a. aus dem Jahre 2011, von Bartelheimer u.a. und von Kolbe aus dem Jahre 2012 liefern. Zudem könnte über eine Metaanalyse dieser Studien die dort vorhandenen Befunde zur Förderung des Gebrauchs der Eigenkräfte der arbeitsfähigen Bedürftigen und ihrer Wahrnehmung der Selbstorganisation erschlossen werden.

Ein zweites vordringliches Forschungsthema, das in dieser Untersuchung nicht in den Blick genommen werden konnte, betrifft die Wahrnehmung und Bewertung des Unterstützungshandelns der Fallmanager durch die arbeitsfähigen Bedürftigen, insbesondere im Hinblick auf die Dienstleistungsqualität des Unterstützungsprozesses und der Nützlichkeit der Ergebnisse dieses Prozesses für die Bedürftigen. Dabei sollte ein Schwerpunkt der Untersuchung auf der Frage liegen, inwieweit die Fallmanager auf Grund der strukturellen Gegebenheiten in der jeweiligen Einrichtung – wie u.a. den Zielen der Organisation, dem Fachkonzept der personenbezogenen Unterstützung, der Aufbauund Ablaufstruktur der Organisation, der Zuständigkeit der Fallmanager –, den Bedürftigen Freiräume zur Beteiligung am Unterstützungsprozess ermöglichen können und ob und wie sie diese Freiräume eröffnen. Von den bisher vorliegenden empirischen Untersuchungen, die das Unterstützungshandeln der Fallmanager in der Grundsicherung thematisieren, generiert lediglich die Studie von Schütz u.a., wenn auch nur nebengeordnet, Daten zur Sicht der Betroffenen auf den Unterstützungsprozess und nimmt aus der Gesamtschau aller Befunde der Untersuchung heraus zur Dienstleistungsqualität der personenbezogenen Unterstützung Stellung.

• Methodische Weiterentwicklung der Erfassung personenbezogener Unterstützungsprozesse

Der im Rahmen dieser Untersuchung eingeschlagene Weg zur Erfassung aktivierend ausgerichteter personenbezogener Unterstützungsprozesse im deutschen Fürsorgesystem stellt einen methodischen Versuch mit Stärken und Schwächen dar. Dabei zeigte sich, dass für die Planung einer solchen Erfassung kaum auf empirische Vorarbeiten zurückgegriffen werden konnte, Erhebung und Dokumentation der Unterstützungsverläufe zeitlich und organisatorisch sehr aufwändig waren, die Sicherstellung der Beteiligung der Fallmanager und besonders der Ratsuchenden über einen längeren Untersuchungszeitraum nur mit Abstrichen gelang und lediglich eine kleinere Zahl von Verläufen beobachtet werden konnte. Vor diesem Hintergrund ist anzustreben, dass über empirische Studien zur personenbezogenen Unterstützung in der Grundsicherung eine Methodendiskussion in Gang kommt. Hierzu scheinen die methodischen Ansätze der Untersuchungen von Baethge-Kinsky u.a., Schütz u.a. und Bartelheimer u.a. und die damit gemachten Erfahrungen hilfreich zu sein.

• Praxisforschung

Ähnlich wie empirische Studien zur personenbezogenen Unterstützung Bedürftiger auf der Grundlage der Methode ‚Case Management' in der Sozialhilfe, insbesondere die Fallstudien dieser Untersuchung und der Abschlussbericht von Reis u.a. aus dem Jahre 2005, veranschaulicht haben, ist auch für die Einrichtungen der Grundsicherung eine Vielgestaltigkeit der organisatorischen Rahmenbedingungen und eine variantenreiche Ausgestaltung und Implementation der Fachkonzepte zur Erbringung des Fallmanagements auf lokaler Ebene zu erwarten. Darüber hinaus dürften, auch das legen Befunde vergleichbarer empirischer Untersuchungen aus der Sozialhilfe sowie die Gesamtbewertung und die Schlussfolgerungen zu dieser Studie nahe, die Person des Fallmanagers, dessen strukturelle Gestaltungsspielräume und deren Gebrauch entscheidend zur Mobilisierung der Eigenkräfte, zur Entwicklung der Eigeninitiative und zur Stärkung der Eigenverantwortung der arbeitsfähigen Bedürftigen beitragen. Vor diesem Hintergrund sollte geprüft werden, inwieweit für die weitere Forschung zum Fallmanagement auf einen Forschungsansatz zurückgegriffen und adaptiert werden kann, der seit einiger Zeit in der Erziehungswissenschaft, der Psychologie und vor allem der Sozialen Arbeit an Bedeutung gewinnt: die Praxisforschung. Mit Hilfe eines solchen Ansatzes könnten verstärkt Fragen, Probleme und darauf bezogene Handlungsweisen auf der Arbeitsebene der Fallmanager erfasst, analysiert und unter Beteiligung der Handelnden tragfähigere Antworten und Lösungsansätze für die Praxis entwickelt, sowie auf dysfunktionale strukturelle Rahmenbedingungen des Fallmanagements und ihrer Umsetzung aufmerksam gemacht werden. Insgesamt könnte der praxisnahe Ansatz der Praxisforschung auch auf diesem Arbeitsfeld einen fruchtbaren Beitrag zum Aufbau eines lernenden Systems in den Einrichtungen der Grundsicherung leisten, so dass in einem kontinuierlichen Austauschprozess zwischen den gesetzlichen Anforderungen und ihrer Umsetzung in Verordnungen und Richtlinien, den Weisungen der Leitungsebene und den Erfahrungen auf der Arbeitsebene, immer wieder neu Spielräume für ein möglichst selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Handeln von Fallmanagern und arbeitsfähigen Bedürftigen entdeckt, eröffnet und gefördert werden.

 
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